Regulierung

Leinen los!

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein ehemaliger EU-Finanzkommissar den Briten den Ab­schied von der EU-Prospektrichtlinie nahelegt. Auch sonst ist den Vorschlägen von Jonathan Hill für eine Reform des Londoner...

Leinen los!

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet ein ehemaliger EU-Finanzkommissar den Briten den Ab­schied von der EU-Prospektrichtlinie nahelegt. Auch sonst ist den Vorschlägen von Jonathan Hill für eine Reform des Londoner Listing-Regimes vor allem eines zu entnehmen: Britannia setzt die Segel für eine Zukunft jenseits der Staatengemeinschaft. Seine Empfehlung: Leinen los! Hill dürfte klar sein, dass es für die City keine gute Strategie ist, darauf zu warten, dass die EU-Kommission­ Äquivalenz ge­währt. Großbritannien kann im Alleingang schneller agieren als das Brüsseler Dickschiff. Und die Zeit drängt, denn der Markt für Initial Public Offerings (IPOs) boomt.

Wenn es darum geht, schillernde Börsenkandidaten vom Format der saudischen Aramco anzuziehen oder undurchsichtigen Investmentvehikeln zu einem Listing zu verhelfen, darf man es mit den Vorgaben zu Streubesitz, Stimmrechten oder Veröffentlichungspflichten nicht so genau nehmen. Die Branche sieht das – allen Bekenntnissen zu Anlegerschutz und hohen Standards bei der Corporate Governance zum Trotz – genauso. Dabei läuft London keinesfalls Gefahr, seine Führungsposition in Europa zu verlieren. Im vergangenen Jahr lag die London Stock Exchange gemessen am Emissionsvolumen erneut an der Spitze – sowohl bei den IPOs als auch bei den Folgeemissionen. Aber Hill will hoch hinaus. In seinem Bericht bemängelt er, dass die City zwischen 2015 und 2020 lediglich 5% der weltweiten IPOs anzuziehen vermochte.

Um der immer größer werdenden Einhornherde den Weg zu einer Londoner Premium-Börsennotierung zu bahnen, will er Tech-Gründern ermöglichen, das Stimmrecht ihrer Geldgeber durch duale Aktienstrukturen zu beschneiden. In den USA ist das gang und gäbe. Bei diesem Thema sollte jedoch der Anlegerschutz Vorrang haben. Das weltweit vorhandene Gründertalent hat sich in den vergangenen Jahren nicht im gleichen Maße vermehrt wie das nach Anlagemöglichkeiten suchende Kapital. Deshalb gibt es eine ganze Reihe hoch bewerteter Firmen, deren Geschäftsmodelle zwar nicht funktionieren, die aber dank immer neuer Finanzierungsrunden zumindest so lange weitermachen können, bis ihre Risikokapitalgeber den Exit über die Börse schaffen. Die IPOs solcher in die Jahre gekommener Start-ups muss man nicht erleichtern, auch wenn sie die Finanzplatz-Statistik verschönern. Das würde nur diejenigen bestätigen, die seit dem EU-Referendum fürchten, dass in London Wildwest-Regeln Einzug halten.

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