Thomas Jorberg, GLS Bank

„80 bis 90 Prozent Egal-Geld im Markt“

Die ökologisch ausgerichtete GLS Bank stuft die neuen EU-Vorgaben zur Anlageberatung rund um Nachhaltigkeit als lästig, aber notwendig ein. „Wenn die Branche es nicht macht, muss es vorgeschrieben werden“, sagt Bankchef Thomas Jorberg.

„80 bis 90 Prozent Egal-Geld im Markt“

Wolf Brandes.

Herr Jorberg, die Zinslandschaft hat sich stark verändert. Wie wirkt sich das auf die GLS Bank aus mit einem nichtkonventionellen und nachhaltigen Geschäftsmodell?

Da sind wir ähnlich gefragt wie alle Banken. Die Veränderung des Zinses ist in der Veränderungsphase immer eine Herausforderung, bis sich ein neues Niveau eingestellt hat. Das liegt an der Fristentransformation, die wir als Banken durchführen. Das bedeutet auch, dass wir die Einlagenzinsen zeitverzögert anheben. Mit solchen Maßnahmen können wir das Zinsänderungsrisiko abdecken.

Mit Kundeneinlagen in Höhe von 7,7 Mrd. Euro und einem Kreditbestand von 4,4 Mrd. Euro per Ende 2021 hat auch die GLS Bank einen hohen Einlagenüberhang. Was ändert sich durch die Zinswende?

Dass wir einen Einlagenüberhang haben, liegt am Geschäftsmodell. Es ist immer so gewesen, dass wir über die Einlagen wachsen, mal mehr, mal weniger. Die Nachfrage im Kreditgeschäft ist ungebrochen hoch. Da bin ich aber vorsichtig mit einer weiteren Beurteilung.

Was sind die Wachstumstreiber für Ihr Haus in der nächsten Zeit?

Ganz klar das Geschäft der regenerativen Energien. Aber auch nachhaltiges Bauen spielt eine große Rolle bei uns. Und natürlich auch die Sanierung von Immobilien.

Stichwort erneuerbare Energie. Wir befinden uns in einer der schwersten Energiekrisen der Nachkriegszeit. Was halten Sie als Chef einer Nachhaltigkeitsbank von hohen Energiepreisen?

Der Energiepreis ist natürlich viel höher, als man das mit einer CO2-Besteuerung hätte bewirken wollen. Auch wenn die Ursache dafür nichts mit der Transformation der Wirtschaft zu tun hat, wäre ein solcher Preis auch ein ganz ausgezeichnetes Lenkungsinstrument, mit dem der Prozess hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft viel schneller gelingen könnte. Das wird aber nicht gemacht. Stattdessen wird immer wieder das System wiederhergestellt, was uns erst in diese Lage gebracht hat. Klar ist aber auch, dass man dafür Sorge tragen muss, dass auch Menschen mit niedrigen Einkommen mit Hilfe des Transformationsgeldes an dem Wandel hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft teilhaben können.

Zur grünen Geldanlage zählt der Ausschluss von Atomkraft und Waffen. Angesicht von Energiekrise und Krieg wird das nun von manchem in Frage gestellt. Müssen Sie Ihre Ansicht überdenken?

Nein. Atomenergie, fossile Energien und Waffen werden wir nie finanzieren. Nicht alles, was man – leider – braucht, ist deswegen schon nachhaltig. Wenn man eine nachhaltige Wirtschaft will, dann muss man sich davon abgrenzen. Nichts ist weniger nachhaltig als Waffen. So etwas gehört unter keinen Umständen in ein Nachhaltigkeitsportfolio. Wie man auf diesen Krieg reagieren sollte, ist ein anderes Thema.

Beim Katalog der nachhaltigen Aktivitäten, der EU-Taxonomie, ist Atomkraft aus politischen Gründen drin und über Waffen wurde gesprochen. Taugt die Taxonomie daher nichts?

Vorneweg: Kernkraftwerke sind sowieso nicht wirtschaftlich, und daher dürften sie nie eine Finanzierung bekommen – egal, ob sie in einer Taxonomie sind oder nicht. Grundsätzlich begrüßen wir es aber, dass durch die Nachhaltigkeitsregulierung Mindeststandards eingeführt werden und mehr Klarheit geschaffen werden soll. Es geht immer wieder darum, Greenwashing zu vermeiden. Wo grüne Geldanlagen draufsteht, müssen auch grüne Investments drin sein. Doch die Taxonomie ist selbst Greenwashing, die Umsetzung miserabel. Damit spreche ich das Thema Atomkraft und Gas an.

Gibt es noch andere Mängel?

Die Ausgestaltung der Kriterien der Taxonomie sieht vor, dass nur bestimmte Unternehmen ab einer bestimmten Größenordnung erfasst werden. Das ist eine Wettbewerbsverzerrung, weil diese Unternehmensgröße in der Nachhaltigkeitswirtschaft, in der wir tätig sind, eine Ausnahme ist. Es ist wie immer mit der Regulierung, sie wird sehr kompliziert und man würde es sich einfacher und pragmatischer wünschen.

Die Flut von Nachhaltigkeits­regeln trifft Sie als Bank und Ihre Kunden dennoch. Wie sehen Sie die nichtfinanziellen Berichterstattungspflichten?

Das ist sicherlich wichtig, aber wir haben eine eigene Wirkungsmessung und integrieren Nachhaltigkeitsrisiken in das Risikomesssystem unserer Bank. Daher ist es zu begrüßen, dass jetzt Klimastresstests von der EZB durchgeführt werden. Es ist ein großer Hebel, den die EZB und die BaFin an der Stelle haben.

Geht es in erster Linie um Klimaschutz?

Es geht nicht nur um Klimaschutz oder Artenschutz, sondern um handfeste Risiken für die Banken. Also darum, die Risiken der Transformation in die Banksysteme zu integrieren. Dafür ist es sinnvoll und notwendig, dass uns Kreditkunden zukünftig Nachhaltigkeitsdaten zu Verfügung stellen. Nebeneffekt dabei ist, dass wir auf Basis solcher Daten mit den Firmenkunden ins Gespräch kommen können zu der Frage, wie sie die grüne Transformation hinbekommen.

Welchen Einfluss haben Vorhaben wie die Taxonomie auf die Privatkunden?

Ich messe dem keine große Wirkung zu. Nachhaltigkeitsregulierung al­lein wird nicht die Transformation bringen. Wir haben immer noch 80 bis 90% „Egal-Geld“ im Markt, also Vermögen, bei denen den Menschen egal ist, was finanziert wird. Das ist die Realität.

Im Bereich der Eigenkapitalregulierung der Banken gibt es Überlegungen, mehr Wirkung über Instrumente wie einen Green Supporting Factor zu erreichen. Was halten Sie davon?

Das kommt aus der Diskussion um die Taxonomie, aber ich halte davon nicht viel. Besser ist es, alle Risiken zu erfassen und in der Risikotrag­fähigkeit zu berücksichtigen. Wer heute diese realen Risiken adäquat berücksichtigt, der braucht keinen Green Supporting Factor. Die an Transformationsrisiken ausgerichtete Steuerung hat einen weitaus größeren Hebel als die Taxonomie.

Neu reguliert wurde auch die Anlageberatung unter Mifid II. Kunden müssen jetzt nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen ge­fragt werden. Ist das sinnvoll oder eine Bevormundung?

Ein richtiger Schritt, auch wenn man damit bei uns offene Türen einrennt. Die Kunden kommen, weil sie von uns eine nachhaltige Beratung wünschen. Für uns ist das eher lästig, denn durch die Neuregelung in MifidII steigt der bürokratische Aufwand. Aber so ist es halt: Wenn die Branche es nicht macht, muss es vorgeschrieben werden.

Das Interview führte

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