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Renaissance der Dividendenstrategien kein Strohfeuer

Das aktuelle Umfeld, geprägt u.a. von gestiegenen globalen Risiken, hoher Inflation und steigenden Zinsen, dürfte dafür sorgen, dass die Renaissance der Dividendenstrategien kein Strohfeuer ist.

Renaissance der Dividendenstrategien kein Strohfeuer

Nach jahrelanger Underperformance gegenüber Wachstumswerten haben Dividendenstrategien jetzt wieder die Nase vorn. Die Ursache dafür sind drei Entwicklungen, die sich schon seit längerer Zeit beobachten lassen und die sich durch die russische Invasion der Ukraine noch einmal beschleunigt haben: größere geopolitische Risiken, zulegende Rohstoffpreise sowie anziehende Inflation und damit einhergehend steigende Zinsen. Ob sich die Renaissance der Dividendenstrategien als Strohfeuer erweisen oder zum Dauerbrenner werden wird, hängt also vor allem vom Fortbestand dieses Umfelds ab.

Risiken gestiegen

Schon seit Jahren sind die geopolitischen Risiken deutlich gestiegen und sind jetzt so groß wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Krieg in der Ukraine war dabei letztlich nur so etwas wie der ultimative Weckruf. Dazu zählen das weltweite Vordringen autoritärer Regime, die unverändert schwelende Rivalität zwischen den USA und China um die globale Dominanz, die Gefahr neuerlicher Pandemien, die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur durch Cyberangriffe sowie natürlich der Klimawandel und die damit womöglich ausgelösten Naturkatastrophen oder Migrationsbewegungen. Alles Faktoren, die Aktien von Unternehmen mit erprobten konservativen Geschäftsmodellen statt wolkigen Wachstumsplänen in den Fokus der Anleger gerückt haben. Und die zeichnen sich in der Regel eben auch durch hohe Dividenden aus.

Schon in der Vergangenheit haben vor allem Unternehmen aus den Rohstoffsektoren beachtliche Teile des Gewinns an ihre Anteilseigner ausgeschüttet, besonders spendabel waren dabei häufig die Energiekonzerne. Denen spielen jetzt die schon aufgrund des Nachfrageschubs nach dem Ende der weltweiten Corona-Lockdowns kräftig gestiegenen Rohstoffpreise in die Hände, was für noch einmal steigende Dividenden sorgen könnte.

Und noch ein zusätzlicher Faktor könnte für Rückenwind sorgen: Obwohl die Ausschüttungen der Minenbetreiber und Ölkonzerne schon länger attraktiv waren, haben viele Anleger nicht zugegriffen, da die Geschäftsmodelle der Unternehmen aus ESG-Gründen scharf angegriffen wurden. Jetzt aber hat die hohe Abhängigkeit zahlreicher Länder von fossilen russischen Energieträgern zu einer neuen Wertschätzung der Vorkommen in der eigenen Hemisphäre gesorgt; zumindest so lange, bis der Energiebedarf zuverlässig aus erneuerbaren Quellen gedeckt werden kann. Dies dürfte sich auch in einem künftig stärkeren Engagement von Investoren niederschlagen, wobei vor allem die Ölfirmen aus den USA im Fokus stehen dürften. Dies könnte umso mehr gelten, als der Ölpreis hoch bleiben sollte, da nicht nur die russische Förderung wohl länger ausfallen wird, sondern die westlichen Unternehmen in den vergangenen Jahren auch nicht in den Ausbau der Kapazitäten investiert haben.

Inflation sollte hoch bleiben

Doch nicht nur die Rohstoffpreise haben zuletzt lediglich den Weg nach oben gekannt. Vielmehr haben die aufgrund der Corona-Beschränkungen gestörten Lieferketten auch viele Halb- und Fertigprodukte teils drastisch verteuert. Das Ergebnis ist ein massiver Anstieg der Verbraucherpreise; in den USA zuletzt um 8,5% gegenüber dem Vorjahr, in Deutschland nach vorläufigen Daten um 7,4%. Diese Entwicklung macht Unternehmen mit hohen Dividenden schon allein als Inflations-Hedge interessant. Gleichzeitig werden damit aber auch Wachstumswerte weniger attraktiv. Denn die starke Teuerung hat auch die Zinsen nach oben getrieben. Und da ein Aktienkurs bekanntermaßen den abgezinsten künftigen Cashflow eines Unternehmens reflektiert, reagieren Wachstumstitel, bei denen der Fokus auf der langfristigen Entwicklung liegt, in der Regel deutlich negativer auf steigende Zinsen als Dividendenpapiere.

Doch wie nachhaltig werden die Entwicklungen von Inflation und Zinsen sein? Derzeit spricht vieles für ein anhaltend erhöhtes Niveau. Mit Blick auf die Teuerung sind dafür vor allem zwei Faktoren verantwortlich: Eine der Lehren aus den durch die Corona-Pandemie gestörten Lieferketten dürfte eine beschleunigte Deglobalisierung in technologischen Kernbereichen wie der Halbleiterindustrie sein. Denn um den Ge­schäftsbetrieb auch in künftigen Krisenzeiten aufrechterhalten zu können, werden Unternehmen aus den Industrieländern die Fertigung zu­mindest teilweise wieder aus den Schwellenländern zurückholen.

Geldpolitische Straffung

Darüber hinaus wird der Kampf gegen die Erderwärmung zu einer strukturellen Inflation beitragen, da Regierungen an der Steuerschraube drehen werden müssen, um besonders klimaschädliche Produkte und Dienstleistungen für die Verbraucher unattraktiver zu machen. Um daraus womöglich resultierende Preis-Lohn-Spiralen zu verhindern, werden die Notenbanken nicht umhinkommen, die Geldpolitik zu straffen. In den USA, wo die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt weniger von Corona-Lockdown und Ukraine-Krieg betroffen sind, dürfte die Federal Reserve das Leitzinsniveau vergleichsweise aggressiv anheben, und auch die Europäische Zentralbank wird sich trotz der Rücksichtnahme auf teils gigantische Staatsschulden und hohe wirtschaftliche Unsicherheiten nicht völlig bedeckt halten können.

Unter dem Strich stehen die Chancen also gut, dass sich das für Dividendenstrategien günstige Umfeld fortsetzen wird. Doch welche Branchen sollten Anleger dabei genauer unter die Lupe nehmen? Da sind zunächst die Rohstoffwerte, die von dem genannten Mix aus anhaltend hohen Preisen, nachlassendem ESG-Gegenwind und ihrer Funktion als Inflations-Hedge weiter profitieren sollten. Daneben könnten sich Aktien aus defensiven Sektoren wie der Pharmaindustrie oder dem stabilen Konsum als besonders lukrativ erweisen. Sollten der Krieg in der Ukraine und die Lockdowns in China beendet werden, könnte die daraus resultierende Verbesserung des wirtschaftlichen Umfelds auch zu Kurspotenzial bei zyklischen Industrieunternehmen aus Europa führen.

Zuletzt erschienen:

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