Einkaufsmanagerindex

Dienstleister schwächeln jetzt auch

Die Unternehmensstimmung im Euroraum hat sich im August auf breiter Front eingetrübt. Nach der schon lange schwächelnden Industrie schlagen nun auch die Dienstleister eine deutlich langsamere Gangart an.

Dienstleister schwächeln jetzt auch

ba Frankfurt

Die Zeichen für eine anstehende Rezession der Euro-Wirtschaft verdichten sich: Angesichts der Gaskrise und der hohen Inflation haben nun auch die Dienstleister ihren Nach-Corona-Schwung verloren und dämpfen das Wachstum. Die Herausforderungen für die Industrie haben mit den Wetterkapriolen Zuwachs bekommen. Auch die Konjunktur in China und den USA schwächelt, so dass vom Welthandel keine Impulse zu erwarten sind. Und der Preisdruck zeigt sich trotz einer Abschwächung weiter auf hohem Niveau. Alles Argumente für die Fraktion im EZB-Rat, die für eine langsamere Gangart ist. Am kommenden Donnerstag wird die Europäische Zentralbank (EZB) wohl die Zinsen abermals erhöhen. Im Juli hatten die Euro-Hüter erstmals seit 2011 die Geldzügel gestrafft und damit der Phase der Niedrigzinsen ein Ende bereitet.

Der Industrie und Dienstleister umfassende Einkaufsmanagerindex (PMI) Composite fiel laut der Erstschätzung im August um 0,7 auf 49,2 Punkte, wie der Finanzdienstleister S&P Global gestern mitteilte (siehe Grafik). Dies ist der niedrigste Stand seit eineinhalb Jahren. Ökonomen hatten den zweiten Rückgang in Folge erwartet – sogar auf einen Wert von 49,0 Zählern. Damit notiert das an den Finanzmärkten viel beachtete Stimmungsbarometer spürbar unter der Expansionsschwelle von 50 Punkten. Kleinere Werte stehen für ein Schrumpfen der Wirtschaft. Unter Ökonomen ist daher mittlerweile Konsens, dass der Euro-Wirtschaft eine technische Rezession – also eine rückläufige Wirtschaftsleistung in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen – bevorsteht oder sogar sie bereits begonnen hat. Im Frühjahr hatte die Euro-Wirtschaft noch um 0,6% zugelegt. Uneinig sind sich die Experten, wie tief und hartnäckig der Rückgang ausfallen wird. Entscheidend dafür werden der weitere Fortgang des Ukraine-Kriegs und die damit zusammenhängende Gaskrise sowie die rasanten Preissteigerungen bei Rohstoffen und Energie sein, wie auch die verschärften Verspannungen bei den Lieferketten.

Industrie unter Druck

Die von S&P Global in der monatlichen Umfrage erfasste Stimmungseintrübung war im August breit basiert: Hauptverantwortlich war die Industrie, wo die Produktion zum dritten Mal in Folge kräftig zurückgefahren wurde. Das Stimmungsbarometer der Industrie gab im August leicht um 0,1 auf 49,7 Punkte nach. Zudem, so erklärt S&P-Ökonom Andrew Harker, verzeichnete das verarbeitende Gewerbe erneut einen Rekordanstieg der Fertigwarenlagerbestände, da die Unternehmen nicht in der Lage waren, ihre Erzeugnisse angesichts der sinkenden Nachfrage abzusetzen. „Dieser Überhang an Lagerbeständen lässt wenig Aussicht auf eine baldige Steigerung der Industrieproduktion erwarten“, mahnt Harker. Die lange Zeit als beruhigend empfundenen hohen Auftragsbestände verlieren also ihre Strahlkraft. Zudem, so betont Commerzbank-Ökonom Christoph Weil, würden sich wegen des kräftig gestiegenen Gaspreises bestimmte energieintensive Produktionen nicht mehr lohnen, so dass viele Unternehmen ihre Produktion unabhängig von ihrem Auftragsbestand senken. Darüber hinaus lasse die Unsicherheit über die Gasversorgung die Unternehmen vorsichtiger werden, was für weniger Investitionen spreche.

Und auch die anhaltende Dürre sorgt für Ungemach: „Bleibt Regen aus, leidet die Flussschifffahrt, die Landwirtschaft und auch die Energieproduktion“, erklärt Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. Der Europäischen Dürrebeobachtungsstelle EDO zufolge sind zwei Drittel des europäischen Territoriums viel zu trocken, 47% fehlt es deutlich an Bodenfeuchtigkeit und auf 17% ist der Zustand alarmierend, wie Reuters berichtet. Auf vielen Flüssen wie dem Rhein sind die Pegelstände so niedrig, dass Schiffe nur noch mit einem Bruchteil des Üblichen beladen werden können.

Die steigenden Lebenshaltungskosten indes sorgten laut S&P-Ökonom Harker dafür, „dass der nach Aufhebung der Eindämmungsmaßnahmen einsetzende Aufschwung im Servicesektor im August abgeebbt ist“. Der entsprechende Index sank um 1 auf 50,2 Punkte. Dies ist das schwächsten Wachstum seit Beginn des Aufschwungs im April 2021. Wegen der verbreitet lahmenden Konjunktur zeigten sich die Wachstumsrückgänge in einer ganzen Reihe von Sektoren: Von Grundstoff- und Automobilunternehmen bis hin zu den Bereichen Tourismus und Immobilien, hieß es bei S&P weiter. Auch die Aufstockung der Belegschaften nach der Corona-Pandemie habe wegen des Auftragsrückgangs und der relativ schwachen Geschäftsaussichten an Schwung verloren. Immerhin habe sich der Kostenauftrieb abgeschwächt.

Frankreich rutscht ins Minus

Auf Länderebene sind es laut S&P Global vor allem die beiden Schwergewichte Deutschland und Frankreich, in denen es bergab ging. Die anderen Länder, für die es keine Vorabschätzungen gibt, zeigten ein Mini-Wachstum. Frankreichs Wirtschaft schrumpfte wegen starker Produktionskürzungen in der Industrie und der Abkühlung im Servicesektor erstmals seit eineinhalb Jahren wieder. Der PMI Composite rutschte um 1,9 auf 49,8 Punkte. Die deutsche Wirtschaft hingegen – hier gab der PMI Composite um 0,5 auf 47,6 Punkte nach – schrumpfte so stark wie zuletzt im Juni 2020. Die an­haltende Schwäche der Industrie wurde laut S&P Global durch die Abkühlung im Servicesektor verstärkt. Wobei das Industrie-Barometer gegen den Trend um 1,4 Punkte auf 46,4 kletterte.

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