Energiekrise

Großbritannien drohen Blackouts

Den Briten droht ein harter Winter. Ihnen steht nicht nur ein weiterer rasanter Anstieg der Energierechnungen ins Haus. Die Frage ist vielmehr, ob die Versorgungssicherheit gewährleistet werden kann.

Großbritannien drohen Blackouts

Von Andreas Hippin, London

Boris Johnson hat sich noch einmal ins Rampenlicht begeben. Als geschäftsführender Premierminister nahm er angesichts der dramatischen Preissteigerungen, die privaten Verbrauchern ins Haus stehen, an einem Krisengipfel mit Vertretern der Energiewirtschaft in der Downing Street teil. Ergebnisse des eigentlich von Schatzkanzler Nadhim Zahawi und Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng geführten Meetings wurden nicht be­kannt. „Wesentliche fiskalische Entscheidungen“ müssten von seinem Nachfolger getroffen werden, sagte Johnson.

Unterdessen wächst die Sorge, dass viele britische Haushalte bald nicht in der Lage sein werden, ihre Energierechnungen zu bezahlen. Dazu tragen immer neue Schätzungen von Beratungsgesellschaften bei, deren Namen der breiten Öffentlichkeit zuvor unbekannt waren. Sie schätzen auf Grundlage von Futures-Kontrakten, wie hoch die Jahresrechnungen ausfallen könnten, wenn der Regulierer Ofgem im Januar erneut die Preisobergrenze anhebt. Cornwall Insight kam für Januar auf 4 467 Pfund, der Rivale Auxilione auf 5 038 Pfund. Der Abstand zum seit April gültigen Preisdeckel von 1 971 Pfund ist beträchtlich. Zum Vergleich: Für die französischen Kunden des auch in Großbritannien aktiven Energieversorgers EDF liegt die Obergrenze bei 950 Euro. Der französische Präsident Emmanuel Macron erlaubte dem Staatsbetrieb lediglich eine Erhöhung von 4 %.

Während die vom Kampf um die Tory-Parteiführung abgelenkte Regierung bislang kein Konzept vor­gelegt hat, verglich der ehemali­ge Labour-Premierminister Gordon Brown die Situation mit der Weltfinanzkrise, in der seine Regierung Banken vorübergehend verstaatlichte – angeblich, um die Verbraucher zu schützen. In einem Gastbeitrag für den „Guardian“ forderte er, die Energiepreise „einzufrieren“. Ofgem dürfe den Preisdeckel nicht lüften. Stattdessen müsse die Regierung mit den Unternehmen niedrigere Preise aushandeln. Wenn die Firmen dem nicht nachkommen könnten, müssten sie notfalls eben so lange verstaatlicht werden, bis die Krise vorbei sei.

Allerlei Staatsversagen

Tatsächlich hat die Krise viel mit Staatsversagen zu tun. Vor fünf Jahren wurde der größte britische Gasspeicher Rough von der British-Gas-Mutter Centrica endgültig außer Dienst gestellt. Es sei unwirtschaftlich, den aus Sicherheitsgründen vorübergehend geschlossenen unterseeischen Speicher vor der Küste von Yorkshire wieder zu nutzen. Die Kosten für eine Instandsetzung wurden auf bis zu 3 Mrd. Pfund geschätzt. Die Regierung wollte das nicht subventionieren, die Aufsicht hatte keine Einwände. Das entsprach dem damals vorherrschenden naiven Marktglauben. Die Hoffnung auf eine eigene Schiefergas-Industrie, der liquide Handel mit den europäischen Nachbarn und die Verfügbarkeit von Flüssiggasimporten aus Katar hatten dafür gesorgt, dass man solche Einrichtungen nicht mehr für nötig hielt. Derzeit wird in großem Stil Gas exportiert, um Europa dabei zu helfen, seine Speicher zu füllen. Man darf gespannt sein, ob sich Großbritannien im Winter Gas am freien Markt beschaffen kann.

Wie schwierig das sein kann, zeigt ein Beispiel vom Strommarkt: In der letzten Juliwoche schrammte der Londoner Südosten knapp an einem Blackout vorbei. Der Netzbetreiber National Grid musste für 9 724 Pfund pro MWh – mehr als 5 000 % des gängigen Preises – Strom aus Belgien kaufen. Klimapolitischer Überschwang hatte dafür gesorgt, dass Kohle- und Atomkraftwerke vom Netz genommen wurden, ohne dass man sich darüber im Klaren war, was an ihre Stelle treten sollte, bis die für die Energiewende erforderlichen Technologien verfügbar sind. Zudem wuchs mit der Bevölkerung auch der Energieverbrauch. Seit 2010 haben die Stromimporte über Unterseekabel stark zugenommen (siehe Grafik). Ein wichtiger Lieferant, Norwegen, könnte ge­zwungen sein, seine Ausfuhren einzuschränken, weil Hitzewellen die Erzeugung von ausreichend Strom aus Wasserkraft erschweren. Auch andere dürften im Zweifelsfall wenig geneigt sein, ihre knappen Ressourcen mit Großbritannien zu teilen. Umso unglaublicher er­scheint, dass keinerlei Anstrengungen unternommen wurden, das AKW Hinkley Point B am Netz zu halten. Es wurde vom Betreiber EDF Ende Juli planmäßig abgeschaltet. Der Plan für den Notfall? Rollierende Blackouts – planmäßige Stromabschaltungen.

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