Verunsicherung am Standort D

Deutsche Unternehmen zücken wieder den Rotstift bei Investitionen

Deutschland droht sowohl bei der Modernisierung des Standorts als auch bei der technologischen Wettbewerbsfähigkeit ins Hintertreffen zu geraten: Unternehmen planen weniger Investitionen. Und die USA ziehen bei Forschungsinvestitionen davon.

Deutsche Unternehmen zücken wieder den Rotstift bei Investitionen

Unternehmen zücken Rotstift bei Investitionen

Studien zeigen ganzes Ausmaß der Verunsicherung – Forschungsausgaben zu niedrig – EY fordert Super-Abschreibung

lz Frankfurt

Die Verunsicherung in der deutschen Wirtschaft wegen der konjunkturellen und wirtschaftlichen Entwicklung ist offenbar so groß, dass jetzt auch die Investitionsplanungen zurückgeschnitten werden. Nach einer Umfrage des Ifo-Instituts haben Unternehmen ihre Investitionsvorhaben für das laufende Jahr nach unten korrigiert. „Die globale Nachfrage nach Investitions- und Vorleistungsgütern bleibt schwach, und Unsicherheiten bestehen weiter. Viele Unternehmen verschieben daher ihre Investitionsentscheidungen“, sagt Lara Zarges, Konjunkturexpertin des Ifo-Instituts.

Am deutlichsten gingen die Unternehmen des verarbeitenden Sektors mit dem Rotstift durch die Investitionsplanung: Während der Ifo-Indikator aller Unternehmen um 0,1 Punkte zurückfiel, waren es im Produktionssektor 5,2 Zähler. Hierzu haben vor allem die energieintensiven Firmen beigetragen.

Rückholung der Produktion

Ein Teil der noch verbliebenen Investitionen scheint dabei der „Reindustrialisierung“ zuzuschreiben zu sein. Viele Unternehmen wollen die Widerstandsfähigkeit der Lieferketten erhöhen und geopolitischen Spannungen aus dem Weg gehen und entscheiden sich daher für Rückverlagerungen von Produktionen an den Stammsitz des Heimatlandes, wie eine Studie des Capgemini Research Institute zeigt.

Und das ist kein deutsches Phänomen: 47% der großen europäischen und US-amerikanischen Unternehmen hätten bereits in die Verlagerung ihrer Produktion investiert, schreibt Capgemini, und 72% entwickelten gerade eine Strategie für die „Reindustrialisierung“. Deutsche Unternehmen liegen hier sogar vorn. Bereits 53% hätten in die Produktionsverlagerung investiert, heißt es. Insgesamt planten große europäische und US-amerikanische Unternehmen, in den nächsten drei Jahren rund 3,4 Bill. Dollar in die Rückholung der Produktion zu stecken.

F&E: Amerikaner ziehen davon

Womöglich kommt in den Investitionsplanungen deutscher und europäischer Unternehmen dabei das nötige Engagement bei Forschung und Entwicklung (F&E) zu kurz, wie die Unternehmensberatung EY in einer Studie aufzeigt. Während F&E-Ausgaben in Nordamerika um 13% gestiegen sind, waren es in Asien nur 11% und in Europa gar nur 7%. Unter den 500 Top-F&E-Investoren befinden sich zudem immer mehr US-Firmen (169); dahinter folgen Japan (86), China (52) und Deutschland (31).

Über alle 500 analysierten Unternehmen hinweg stieg EY zufolge die F&E-Intensität, also der Anteil der F&E-Investitionen am Umsatz, von 7 auf 7,4% – am stärksten allerdings in den USA, wo der Wert von 9,2 auf 10,2% zulegte. In Europa nahm er von 6,5 auf 6,6% zu, in Asien stagnierte er bei 5,3%. Die 31 deutschen Unternehmen, die sich im Ranking platzieren konnten, investierten nur 6%, also nur halb so stark wie die US-Konzerne. Die deutsche F&E-Intensität stieg damit leicht von 5,8 auf 5,9%.

Innovationen sind der Schlüssel

Henrik Ahlers, Vorsitzender der EY-Geschäftsführung, warnt vor der Schere, die sich zwischen USA und Europa sowie Asien auftue. Dabei seien „die F&E-Investitionen von heute die Innovationen von morgen und die Gewinne von übermorgen“. In schwierigen Zeiten sollte gerade die deutsche Wirtschaft mit ihrem Premium-Anspruch nicht an der falschen Stelle sparen und damit ihre langfristige Wettbewerbsfähigkeit gefährden. Ahlers: „Innovationen sind der Schlüssel für langfristigen Geschäftserfolg.“

Um das Ruder herumzureißen, fordert Ahlers die Politik auf, Investitionen in Innovationen attraktiver zu machen. Konkret schlägt er Super-Abschreibungen vor, also eine beschleunigte Abschreibung für F&E-Investitionen. Das wäre, so Ahlers, „angesichts der hohen Steuersätze in Deutschland ein sehr wirksames und attraktives Instrument der Wachstumsförderung“. Außerdem würde auch ein Abbau von Regulierungen und bürokratische Hemmnissen laut Ahlers zu einer größeren Investitionsbereitschaft der deutschen Unternehmen führen.

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