Geldpolitik

EZB-Sitzung facht Spekulationen über Zinsen an

Äußerungen von EZB-Chefin Lagarde im Anschluss an die Ratssitzung gelten als möglicher Wendepunkt. Bankvolkswirte spekulieren munter über die Folgen. Zudem werden neue Inflationsprognosen publik.

EZB-Sitzung facht Spekulationen über Zinsen an

rec Frankfurt

Äußerungen von EZB-Chefin­ Christine Lagarde im Anschluss an die erste Ratssitzung des Jahres haben Spekulationen über Zinserhöhungen kräftig angefacht. Etliche Beobachter richten sich nun auf einen ersten Zinsschritt der Europäischen Zentralbank (EZB) im vierten Quartal 2022 ein. Manche Analysten, etwa von Commerzbank und Goldman Sachs, gehen noch einen Schritt weiter und prognostizieren gar zwei Aufwärtsschritte bis Jahresende. Dieses vergleichsweise offensive Szenario einer baldigen Abkehr von der Negativzinspolitik deckt sich mit den Erwartungen am Geldmarkt.

Die jüngste EZB-Sitzung gilt als möglicher Wendepunkt. Inhaltlich bekräftigte der EZB-Rat zwar seine Beschlüsse vom Dezember. Demnach ruht ab April das Corona-Notfallkaufprogramm PEPP, die Nettokäufe über das reguläre Programm APP laufen unbefristet weiter. Das Ende der Nettokäufe gilt nach wie vor als Bedingung für Zinserhöhungen. Beobachter stellen aber heraus, dass Lagarde eine Zinserhöhung 2022 nicht mehr ausgeschlossen hat. Ihre vorherige Aussage, eine Zinserhöhung 2022 sei „sehr unwahrscheinlich“, war als Absage an eine baldige Zinswende nach dem Vorbild von US-Notenbank Fed und Bank of England interpretiert worden.

Davon ist Lagarde nach allgemeiner Auffassung abgerückt. ING-Volkswirt Carsten Brzeski sagte mit Blick auf monatelange Inflationswarnungen der Falken, also Hardliner im EZB-Rat: „Die EZB vollführt eine falkenhafte Rolle rückwärts.“ Die Tür für Zinserhöhungen sei weit offen, hieß es unisono. EZB-Ratsmitglied François Villeroy de Galhau warnte am Freitag in einer Rede indes, man sollte „nicht übereilt Schlüsse bezüglich des Zeitplans ziehen“. Lagarde hatte von „einhelliger Besorgnis“ über die hohe Inflation gesprochen.

Für eine Zinserhöhung müsste der EZB-Rat aller Voraussicht nach beschließen, die Nettoanleihekäufe spätestens im dritten Quartal auslaufen zu lassen und fortan nur noch auslaufende Titel zu ersetzen. Einen entsprechenden Beschluss im März halten viele Beobachter für den logischen nächsten Schritt. Analysten von Deutscher Bank und Goldman Sachs erwarten ein Ende der Nettokäufe nun bereits im Juni, andere im September. Konsens ist dies aber nicht. So wendet Oliver Rakau, Volkswirt des Analysehauses Oxford Economics, ein: „Die damit verbundene Verschärfung der finanziellen Bedingungen in einem immer noch angespannten Umfeld könnte zu viel sein.“ Deshalb rechnet er nicht mit einer Zinserhöhung 2022 – inzwischen eine Minderheitenmeinung.

Anders die Commerzbank: „Wir ändern unsere EZB-Prognosen und erwarten nun für dieses Jahr zwei Zinserhöhungen um je 25 Basispunkte“, schrieb Chefvolkswirt Jörg Krämer am Freitag. Andere spekulieren, ein Kompromiss im EZB-Rat könnte auf Zinserhöhungen von 20 Basispunkten hinauslaufen. Auch die Analysten von Goldman Sachs um Jari Stehn „rechnen nun mit einem deutlich früheren Ausstieg der EZB“, konkret mit Zinserhöhungen im September und Dezember. Diese Revisionen decken sich mit Erwartungen am Geldmarkt, wo indes bereits für Juni eine erste Zinserhöhung eingepreist ist. Der für Banken wichtige Einlagensatz liegt seit bald zweieinhalb Jahren auf dem Rekordtief von –0,5%. Tritt das Szenario wiederholter Zinserhöhungen im Umfang von insgesamt 50 Basispunkten tatsächlich ein, würde somit die seit Juni 2014 laufende Phase negativer Leitzinsen in der Eurozone enden.

Große Bedeutung kommt der Sitzung des EZB-Rats am 10. März zu. Das betonte Lagarde. Denn die Währungshüter werden auf Basis frischer Projektionen zu Inflation und Wachstum über ihren Kurs entscheiden – und es dürfte weiterer Revisionsbedarf bestehen (siehe Kasten).

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