Großbritannien

Steigende Zinsen voraus

Die britische Wirtschaft schrumpft. Doch die Datenlage ist nicht eindeutig. Der jüngste Rückgang geht vor allem auf das Versanden der Corona-Impf- und Kontaktverfolgungsprogramme zurück.

Steigende Zinsen voraus

Von Andreas Hippin, London

Die Bank of England wird am Donnerstag den Leitzins um weitere 25 Basispunkte auf 1,25 % erhöhen, obwohl die britische Wirtschaft seit Januar nicht mehr gewachsen ist. Das wird zumindest an den Finanzmärkten erwartet. Allerdings gehen die Auguren nicht von einer einstimmigen Entscheidung aus. Bis zu drei Mitglieder des geldpolitischen Komitees (Monetary Policy Committee, MPC) könnten sich für einen Zinsschritt von 50 Basispunkten aussprechen, wird vermutet. Möglicherweise schließt sich ein viertes Mitglied an, spekulieren die Volkswirte der ING, vielleicht mit Vize Dave Ramsden eine Führungskraft der Notenbank.

Andererseits könnte es auch ein bis zwei Abweichler geben, die am Status quo festhalten wollen. Denn die Datenlage ist alles andere als eindeutig: Ein Blick auf die Wachstumsdaten für April, die gerade vom Statistikamt ONS vorgelegt worden sind, zeigt, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im April um 0,3 % zurückgegangen ist. Volkswirte hatten dagegen im Schnitt einen Zuwachs von 0,1 % auf der Rechnung. Bereits im März war es leicht geschrumpft (siehe Grafik). Allerdings lohnt sich ein Blick in die Details. Verbraucherbezogene Dienstleistungen wie Haarschnitte verzeichneten im April ein Wachstum von 2,6 %. Der Einzelhandel expandierte um 1,4 %. Das Hotel- und Gaststättengewerbe legte zwar nur um 1,0 % zu, bewegte sich aber um 4,3 % über dem vor der Pandemie erreichten Niveau.

Wieso also die Abwärtsbewegung? Das Gesundheitswesen steuerte einen halben Prozentpunkt dazu bei. Das ist im Wesentlichen auf das sukzessive Versanden der Impf- und Kontaktverfolgungsprogramme des öffentlichen Gesundheitswesens NHS (National Health Service) zurückzuführen, die angesichts sinkender Neuinfektionen weniger genutzt werden. Natürlich sollten enorme öffentliche Ausgabenprogramme dieser Art im BIP berücksichtigt werden. Doch sorgt diese Form von Transparenz mitunter für Verwirrung. Rechnet man diesen Effekt heraus, bewegte sich die britische Wirtschaft im April gerade noch im grünen Bereich. Das ist allerdings nicht gerade ermutigend, stehen die Zeichen doch auf Sturm.

Queen als Wachstumsbremse

Auch im Juni dürfte das BIP geschrumpft sein – allein schon wegen des zusätzlichen Feiertags zum Thronjubiläum der Königin. Die Inflation, die im April bei 9 % gelegen hatte, steuert weiter auf 10 % zu. Das von Schatzkanzler Rishi Sunak zuletzt angekündigte, rund 15 Mrd. Pfund schwere Sozialausgabenprogramm dürfte seinen Teil dazu beitragen. Die jüngsten Außenhandelsdaten deuten darauf hin, dass Großbritannien bei seinen Bemühungen, mehr in Nicht-EU-Länder zu exportieren, nicht vom Fleck kommt. In den drei Monaten per Ende April stiegen die Ausfuhren insgesamt lediglich um 0,4 %. Dabei glichen steigende Exporte in Länder der Staatengemeinschaft (+ 6,6 %) den Rückgang bei den in den Rest der Welt ve­rschifften Produkten (−5 %) mehr als aus. Die Einfuhren stiegen um 5,3 %. Aus Sicht von HSBC-Volkswirtin Elizabeth Martins droht der Außenhandel im laufenden Quartal erneut zur Belastung für das Wirtschaftswachstum zu werden. Ein Handelskrieg mit der EU ist vor diesem Hintergrund das Letzte, was das Land braucht. Die Eskalation im Streit über das Nordirland-Protokoll des EU-Austrittsvertrags könnte dazu führen, wenn der Dissens nicht rechtzeitig gestoppt wird.

Die Volkswirte von Barclays zeigten sich von der Schrumpfung der Industrieproduktion um 1 % im April überrascht. Das ONS hatte auf anekdotische Beweise dafür hingewiesen, dass das verarbeitende Gewerbe stark von steigenden Preisen betroffen gewesen sei, insbesondere für Kraftstoffe und Energie.

Der Generaldirektor des Unternehmensverbands CBI, Tony Danker, forderte mit Nachdruck ein neues Hilfspaket, um die Stimmung in der Wirtschaft zu verbessern. „Wir erwarten, dass die Wirtschaft mehr oder weniger stagniert“, sagte Danker. „Es wird nicht viel nötig sein, um uns in die Rezession zu befördern. Und selbst wenn das nicht passiert, wird es sich doch für viele Leute so anfühlen.“ Ein starker Anstieg der Unternehmensinvestitionen nach den von Sunak eingeführten Sonderabschreibungen sei „einer der einzigen Gründe, dass wir eine Rezession bislang abwenden konnten“.

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