Geldpolitik

Keine andere Wahl

Die Zentralbanken müssen die Inflation entschlossen bekämp­fen. Es geht längst auch um ihre Glaubwürdigkeit. Als Retter der Wirt­schaft fallen sie aus.

Keine andere Wahl

Bank of England und Norges Bank: 50 Basispunkte. Fed und Schweizerische Nationalbank: 75 Ba­sispunkte. Riksbank: 100 Basispunkte. Binnen gut 48 Stunden haben führende Zentralbanken aus aller Welt ihre Leitzinsen noch einmal kräftig angehoben und so die globale Zinswende erheblich forciert – und das trotz zunehmender Ängste vor einer globalen Rezession. Der Kurs ist angesichts der vielerorts viel zu hohen Inflation aber absolut richtig und im Grunde alternativlos – selbst wenn er kurzfristig Wachstum und Arbeitsplätze kosten sollte. Und auch wenn es nicht jedem und gerade vielen Investoren nicht schmecken mag: Der Job der Zentralbanken ist noch längst nicht erledigt.

Die Inflation ist weltweit weiter ein Riesenproblem. Das gilt selbst oder sogar zuvorderst für die USA – auch wenn die Teuerungsrate dort ihren Höhepunkt überschritten haben mag. Mit zuletzt 8,3% liegt die US-Verbraucherpreisinflation immer noch mehr als viermal so hoch wie das Fed-Ziel von 2%. Fast schlimmer noch: Sie breitet sich immer mehr aus, wie die auf 6,3% gekletterte Kerninflation (ohne Energie und Lebensmittel) zeigt. Im Euroraum drohen in den nächsten Monaten sogar zweistellige Inflationsraten. Die erneute Eskalation im Ukraine-Krieg mit der Teilmobilmachung in Russland dürfte die Energiekrise sogar noch einmal verschlimmern und die Aufwärtsrisiken bei der Inflation verstärken. Das können und dürfen die Zentralbanken keinesfalls ignorieren.

Zugegeben: Die Geldpolitik kann die kriegsbedingten Störungen auf den Energie- und Rohstoffmärkten ebenso wenig beheben wie die verbleibenden pandemiebedingten Engpässe in den globalen Lieferketten. Sie kann und muss aber dem nachfrageseitigen Inflationsdruck entgegenwirken. Eine stark stimulierende Geldpolitik passt in jedem Fall nicht mehr in die Zeit. Und die Zentralbanken müssen alles tun, damit sich die Inflationserwartungen nicht immer weiter vom 2-Prozent-Ziel ent­fernen. Ihre Glaubwürdigkeit hat mächtige Kratzer bekommen, weil sie die Inflation zu lange unterschätzt und verharmlost haben. Jetzt braucht es entschlossene Taten, um Vertrauen zurückzugewinnen und ein neues, drohendes Inflationsregime zu verhindern.

Natürlich verkompliziert die konjunkturelle Lage die Situation der Zentralbanker. In vielen Währungsräumen droht im Winterhalbjahr eine Rezession. Die Hoffnung aber ist, dass die Rezession vielerorts eher kurz und vergleichsweise mild ausfallen wird – wobei die Euro-Wirtschaft sicher ein besonderes Sorgenkind ist. Ein Hinauszögern der nötigen geldpolitischen Straffung jedenfalls dürfte die wirtschaftlichen Kosten nur noch erhöhen – auch weil dann später ein umso heftigeres Gegensteuern nötig sein dürfte. Klar ist: Ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum ist nicht möglich, ohne dass die Preisstabilität wiederhergestellt ist. Für die Währungshüter muss es deshalb jetzt oberste Priorität haben, die Inflation wieder unter Kontrolle zu bringen.

Die US-Notenbank Fed scheint – wenn auch verspätet – die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Sie unternimmt gerade die schärfste geldpolitische Bremsung seit den 1980er Jahren, als der damalige Fed-Chef Paul Volcker die völlig ausgeuferte Inflation wieder zähmte. Der Leitzins ist seit März um satte 300 Basispunkte erhöht worden und zugleich fährt die Fed ihre aufgeblähte Bilanz zurück. Vorerst muss die Fed nun Kurs halten und deswegen ist es gut und richtig, dass sie weitere Zinsanhebungen avisiert. Die Fed sollte nicht von der Bremse gehen, solange es keine klare Evidenz für eine spürbar sinkende Inflation gibt. Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) indes ist trotz der jüngsten Re­kord-Zinserhöhung um 75 Basispunkte immer noch nicht ganz klar, ob alle Euro-Hüter den Ernst der Lage erkannt haben. Es erscheint jedenfalls mehr als fraglich, ob das jetzt offenbar zunächst angestrebte vermeintlich neutrale Zinsniveau von knapp 2% ausreichen wird, die Inflation zu zähmen. Es wäre in jedem Fall fahrlässig, darauf zu setzen, dass sich das Inflationsproblem durch Konjunkturverlangsamung oder Rezession von selbst in Luft auflöst. Die EZB darf sich nicht aus der Verantwortung stehlen.

Sollte sich die wirtschaftliche Situation in den nächsten Monaten wider Erwarten dramatisch verschlechtern, werden auch die Zentralbanken ihren aktuellen Kurs überdenken müssen. Dann dürfte es aber erst einmal eher darum gehen, innezuhalten und im Zinszyklus zu pausieren, statt neue Milliarden-Anleihekaufprogramme zu starten oder die Leitzinsen gleich wieder gen null oder darunter zu drücken. Das Inflationsgeschehen erlaubt das nicht. Die Zeiten, in denen die Zentralbanken stets als Retter und als Ausputzer der Politik zur Stelle waren – sie sind vorbei.

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