Konjunktur

Rege Kreditvergabe im Euroraum trotz Zinswende

Einer EZB-Umfrage zufolge werden die Banken bei der Kreditvergabe vorsichtiger. In den Daten schlägt sich das noch nicht nieder – trotz Zinswende und Rezessionsgefahren. Das Signal für die EZB ist klar.

Rege Kreditvergabe im Euroraum trotz Zinswende

rec Frankfurt

Die Banken im Euroraum haben im dritten Quartal weiter rege Kredite an Unternehmen und Private vergeben – und das, obwohl sie ihre Kreditrichtlinien angesichts steigender Zinsen und Rezessionsrisiken deutlich verschärft haben. Das geht aus Daten hervor, die die Europäische Zentralbank (EZB) am Tag vor dem Zinsentscheid diesen Donnerstag veröffentlicht hat. Sie dürften die Notenbank in ihren Plänen für eine weitere kräftige Zinserhöhung bestärken und auch in ihrer Absicht, Milliardengewinne der Banken aus Krisenhilfen zu kappen.

Laut EZB reichten Banken in der Eurozone im September 8,9% mehr Kredite an Unternehmen aus als vor zwölf Monaten. Das ist der stärkste Zuwachs seit Anfang 2009 und minimal mehr als im August mit einem Plus von 8,8%. An private Haushalte vergaben sie 4,4% mehr Kredite als im September 2021. Das Kreditwachstum im Privatkundengeschäft ist somit zum Ende des dritten Quartals geringfügig um einen Zehntelprozentpunkt zurückgegangen, aber weiterhin robust.

Das Kreditgeschäft trotzt damit einstweilen der im Juli begonnenen Zinswende. Es wird allgemein erwartet, dass die EZB nun eine weitere XL-Zinserhöhung um 75 Basispunkte nachlegt. In Summe wären es dann 2% mehr als noch Mitte des Jahres. Die rege Kreditvergabe im dritten Quartal ist umso bemerkenswerter, als die Banken ihre Standards für die Kreditvergabe bereits deutlich verschärft haben. Das geht aus dem am Dienstag veröffentlichten Bank Lending Survey (BLS) hervor.

Demnach sind die Banken nach eigenem Bekunden bei der Kreditvergabe bereits erheblich vorsichtiger geworden. Das gilt für das Firmenkundengeschäft wie für Immobilien- und Verbraucherkredite gleichermaßen. Darin kommen auch die Sorgen vor einer tiefgreifenden Rezession in Verbindung mit der Zinswende zum Tragen. Insbesondere Hypothekendarlehen haben sich stark verteuert – vor allem in Deutschland.

In der tatsächlichen Kreditvergabe an Privathaushalte schlägt sich das bislang allenfalls in geringem Maße nieder. So wächst das Geschäft mit Immobilienkrediten zwar seit einiger Zeit im Trend etwas langsamer. Im September reichten Banken in der Eurozone im Durchschnitt aber immer noch 5,1% mehr Darlehen für den Hauskauf aus als vor einem Jahr.

Die Kreditvergabe an Unternehmen blüht den Daten der EZB zufolge sogar weiter auf. Dies dürfte nicht zuletzt mit einem steigenden Bedarf an kurzfristiger Liquidität auf Seiten der Firmen zusammenhängen. Denn sie fragen verstärkt kurzfristige Kredite nach, um angesichts instabiler Lieferketten und steigender Kosten für Vorprodukte und Energie ihre Lager zu vergrößern, wie aus der vierteljährlichen EZB-Kreditumfrage hervorgeht. In jedem Fall dürfte die EZB in den Daten kaum Anlass sehen, aus Rücksicht auf die Konjunktur im Kampf gegen die hohe Inflation alsbald nachzulassen.

Geldmenge wächst schneller

Dies gilt auch mit Blick auf die Entwicklung der Geldmenge, die bei hohen Wachstumsraten als inflationsfördernd gilt. Die weit gefasste Geldmenge M3 erhöhte sich im September um 6,3%. Dazu gehören unter anderem Bargeld, Einlagen auf Girokonten sowie Geldmarktpapiere und Schuldverschreibungen. Volkswirte hatten ein Plus von 6,1% erwartet. Im August hatte der Zuwachs bei 6,1% gelegen. Das Wachstum der enger gefassten Geldmenge M1 sank stark auf 5,6%.

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