Aktienmärkte

Im Griff des Bären

Das verlangsamte Wachstum und steigende Kosten dürften in den kommenden Monaten auf den Ergebnissen der Unternehmen lasten. Damit dürften auch die Aktienmärkte noch im Griff des Bären bleiben.

Im Griff des Bären

Leider haben die Experten Recht behalten, die in der jüngsten Erholungsbewegung der Aktienmärkte eine Bärenmarkt-Rally gesehen haben. Nachdem der S&P 500, gezogen vor allem von der gebeutelten Technologiebranche, und der Dax über die Marken von 4000 und 14000 Zählern geklettert waren, mussten diese nun wieder preisgegeben werden. An den Aktienmärkten ist erneut der graue Alltag eingekehrt. Strategen großer Wall-Street-Häuser wie Bank of America und Morgan Stanley befürchten, dass sich die Anleger auf eine längere Durststrecke einstellen müssen und den Aktienmärkten trotz der bereits substanziellen Verluste dieses Jahres weitere Einbußen bevor­stehen.

Jede Prognose hat dabei derzeit das Problem, dass sich die Lage auf einen Schlag dramatisch anders darstellen würde, sobald es erste ernst zu nehmende Signale einer Deeskalation im Ukraine-Krieg geben würde. Doch solche Anzeichen gibt es bislang überhaupt nicht. Somit stehen die Zeichen auf eine anhaltend unruhige Zeit für Aktien mit Abwärtsrisiken. Kurz zusammengefasst: Der Krieg in der Ukraine und die Lockdowns in China mit ihren Auswirkungen auf Nachfrage, Lieferketten und Rohstoffpreise drohen zu einer weiteren Verlangsamung des globalen Wachstums zu führen. Gleiches gilt für das sich beschleunigende Tempo, mit dem die Zentralbanken unter Führung der Fed zur Bekämpfung der Inflation ihre Geldpolitik straffen. Höhere Zinsen und möglicherweise weiter steigende Anleiherenditen sind eine Last nicht nur in Form einer Verteuerung der Unternehmensfinanzierung, sondern auch für die Tech-Riesen wie Apple, die die Hausse der zurückliegenden Jahre maßgeblich angetrieben haben und nun aufgrund ihres enormen Gewichts in den US-Indizes wie Blei wirken. Eine Rezession ist nicht der Base Case der Experten, aber ihre Wahrscheinlichkeit hat deutlich zugenommen.

Die entscheidende Frage ist nun, in welchem Ausmaß die Belastungsfaktoren beziehungsweise nach wie vor erheblichen Risiken bereits in den Aktienkursen enthalten sind. Fakt ist jedenfalls, dass die Marktteilnehmer bereits extrem skeptisch sind, was als ein Anzeichen zumindest für eine bevorstehende Stabilisierung beziehungsweise Wende zum Besseren an den Aktienmärkten gewertet werden kann. Zuletzt hat dies die globale Fondsmanagerumfrage der Bank of America deutlich gezeigt. Danach ist unter anderem die von den Fonds gehaltene Liquidität im Mai auf das höchste Niveau seit rund zwanzig Jahren gestiegen. Sie war damit höher als während anderer großer Krisen wie dem Platzen der Dotcom-Blase und dem Lehman-Desaster. Aufgrund dieser bereits extremen Skepsis bestand viel Luft nach oben, was eine Gegenreaktion begünstigte – dieser Effekt scheint nun aber ausgelaufen zu sein.

Die gute Nachricht ist, dass die Bewertungen an den Aktienmärkten mittlerweile deutlich gesunken sind. Laut J.P. Morgan sind die Kurs-Gewinn-Verhältnisse (KGVs) auf Basis der gleitenden Konsensgewinnschätzungen für die nächsten zwölf Monate im Euroraum und in den USA im Vergleich zum Hoch des zurückliegenden Jahres um 29% und 26% auf rund 10 beziehungsweise 17,5 gefallen. Im Euroraum liegt das KGV 18% unterhalb seines 20-Jahres-Medians, in den USA allerdings 11% darüber.

Allerdings basieren diese KGVs nicht auf realisierten, sondern eben auf vom Konsens erwarteten Gewinnen. Die Berichtssaison zum ersten Quartal ist zwar deutlich besser gelaufen als erwartet, unter anderem weil Unternehmen höhere Kosten weiterreichen konnten. Auch kam es nicht zu der befürchteten großen Gewinnwarnungswelle. Im Gegenteil: Erstaunlich viele Unternehmen haben sogar ihre Jahresprognosen angehoben. Letztlich bedeutet dies jedoch, dass das negative ökonomische Umfeld und die Risiken insgesamt gesehen noch nicht in den Zahlenwerken und Ausblicken der Unternehmen angekommen sind.

Es ist zu befürchten, dass die Wachstumsverlangsamung, steigende Kosten und die wieder verschärften Lieferkettenprobleme in den kommenden Monaten auf die Ergebnisse und Gewinnerwartungen drücken werden. Gleichzeitig werden die nach wie vor bestehenden Risiken die Bewertungen, die die Anleger Aktien zuzubilligen bereit sind, vielleicht nicht unbedingt deutlich weiter sinken, aber wohl doch nach oben gedeckelt bleiben. In dieser Gemengelage werden die Aktienmärkte wahrscheinlich noch eine Zeit lang im Griff des Bären bleiben, bevor sich ihre Aussichten wieder aufhellen.

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