Charles Hamieh

„Gelistete Infrastruktur ist im Vorteil“

Anlagen in Infrastruktur bieten laut Clearbridge Investments Chancen auf Renditen deutlich oberhalb der Inflationsrate. Gerade in Schwellenländern seien gelistete Assets dabei besonders attraktiv.

„Gelistete Infrastruktur ist im Vorteil“

Alex Wehnert.

Herr Hamieh, Sie investieren seit über 20 Jahren in gelistete Infrastrukturwerte. Was macht die Assetklasse gerade jetzt so interessant?

Die hohe Verlässlichkeit und Widerstandsfähigkeit der Cashflows sowie die soliden Dividendenzahlungen führen gerade in Zeiten hoher Inflation zu einer robusten Performance. Denn globale Regulierungen und Konzessionsvereinbarungen erlauben es den Unternehmen aus dem Sektor, steigende Kosten einfach weiterzugeben. Diese starke Wirksamkeit als Inflations-Hedge ist so gut wie einzigartig – auf jeden Fall funktioniert Infrastruktur dabei besser als angebotsabhängige Immobilientrusts oder volatile Rohstoffe.

Ihre Strategien eignen sich also vor allem für risikoavers eingestellte Investoren?

Wer mit der richtigen Strategie in Infrastruktur investiert, kann damit nicht nur hohe Diversifikationsvorteile erzielen und sich nach unten absichern, sondern sogar Renditen erzielen, die deutlich über der Inflationsrate liegen. Die Unternehmen des Sektors schütten überdies nicht nur großvolumige Mittel aus, sondern bieten auch ein hohes Dividendenwachstum – in einigen Fällen liegt es bei 7% pro Jahr. Der entscheidende Faktor, der diese Investments attraktiv macht, ist aber sicherlich ihre Stabilität. Es handelt sich eben um sehr langfristige Anlagen, die für die Funktionalität der Wirtschaft zentral sind.

Klingt, als würden Sie besonders auf Kerninfrastruktur setzen…

Das größte defensive Potenzial steckt sicher in der Kerninfrastruktur. Wasser, Gas, einige Formen der erneuerbaren Energien, Elektrizität und Energieübertragungssysteme sind wirtschaftlich essenziell. Ob die konjunkturelle Lage und die Beschäftigungszahlen positiv oder negativ ausfallen, die Menschen benötigen die entsprechenden Dienstleistungen. Die Cashflows und Dividendenentwicklungen der anbietenden Unternehmen sind also wenig elastisch, was in volatilen Marktphasen zu einer Outperformance der Anlageklasse führt. Wir haben uns deshalb immer auf Versorgungsnetze und Assets, die sich über Nutzerzahlungen amortisieren, konzentriert.

Zu Letzteren gehören auch Flughäfen und Mautstraßen, die in Pandemiezeiten stark unter einem verringerten Reiseaufkommen gelitten haben. Sind Ihre Strategien also doch anfälliger für Makro-Faktoren, als es zunächst den Anschein hat?

Natürlich ist die Konjunkturelastizität höher als bei Versorgungsnetzen. Allerdings haben sich die Assets auch in Coronazeiten robust gezeigt, der Verkehr auf Mautstraßen hat sich sehr schnell wieder auf Vorkrisenniveaus erholt. Damit haben sich die Erfahrungen aus vergangenen schwierigen Marktphasen bestätigt. In der Finanzkrise 2008 waren die Infrastrukturanbieter in diesem Bereich beispielsweise in der Lage, ihre Investitionsausgaben aufzuschieben, die Margen stabil zu halten und eine solide Wertschöpfung für Investoren zu generieren. Da unsere Portfolios nicht statisch sind, können wir je nach Marktumfeld auf die Entwicklung im Segment reagieren.

Und dennoch: Macht die Aussicht auf weitere epidemische oder gar pandemische Ereignisse Anlagen in diese Assets künftig nicht riskanter?

Für Flughafenbetreiber bestehen in diesem Zusammenhang sicher größere Herausforderungen. Sie müssen die Investitionsausgaben für ihre bestehenden Assets auf angemessenen Niveaus halten, um ihre Servicequalität zu sichern, sich aber gleichzeitig für eine höhere Frequenz disruptiver Ereignisse rüsten. Allerdings haben Regulatoren weltweit auf die Coronakrise reagiert und es diesen Unternehmen erlaubt, Investitionsausgaben zu verschieben und in einigen Regionen die Gebühren zu erhöhen. Ähnliche Reaktionen sind auch in künftigen Krisen zu erwarten – schließlich ist es gesellschaftlich sehr wichtig, dass Flughäfen robust kapitalisiert und operabel sind.

Mit dem Ukraine-Krieg ist eine weitere schwere Krise in vollem Gange. Wie wird diese das Infrastruktursegment künftig beeinflussen?

Die Auswirkungen des Kriegs zeigen, wie wichtig die Unabhängigkeit der Energieversorgung für souveräne Staaten ist. Der Ausbau erneuerbarer Energien ist das Mittel, um eben diese Unabhängigkeit von Öl- und Gaslieferanten wie Russland zu erreichen. Bereits zuvor lag der Fokus stark auf alternativen Energiequellen, um die ambitionierten Netto-null­-Emissionsziele bis 2030 beziehungsweise 2050 zu erreichen. Um die Übertragungsnetze entsprechend zu rüsten, sind weitere Investitionen von mehreren Billionen Dollar nötig. Wir investieren in die gelisteten Unternehmen, die dies um- und in hohe Erträge übersetzen werden – zum Beispiel die spanische Iberdrola oder Next Era Energy aus den USA.

Machen Sie sich damit nicht zu stark von staatlichen Subventionen für alternative Energien und damit von politischen Mehrheitsverhältnissen abhängig?

Das glaube ich nicht, in den vergangenen Jahren war die politische Entwicklung diesbezüglich außerordentlich stabil. In den USA sind republikanisch dominierte Bundesstaaten, die zuvor als Öl- und Gasindustrie-freundlich galten, beim Ausbau erneuerbarer Energien inzwischen führend. Und überhaupt sind die Zeiten, in denen die Anbieter von staatlichen Zuschüssen abhängig waren, lange vorbei. Die Grenzkosten für erneuerbare Energien sind in der vergangenen Dekade massiv gefallen, Windturbinen sind inzwischen wesentlich leistungsstärker, effizienter und günstiger als vor zehn Jahren. Auch im Vergleich zu fossilen Energiequellen sind die Kosten inzwischen niedriger.

Wie bewerten Sie die Investmentchancen bei erneuerbaren Energien in Schwellenländern?

In Emerging Markets ist der Ausbau der Infrastruktur allgemein entscheidend, um die Mobilität von Kapital und Arbeit zu erhöhen und damit die ökonomische Entwicklung zu fördern. Gerade das Wachstum der erneuerbaren Energien wird in Schwellenländern wohl schneller voranschreiten als in Industrienationen. Dabei müssen Investoren natürlich darauf achten, dass die Kapitalkosten in einem vernünftigen Verhältnis zum höheren Risiko in diesen Märkten stehen. Indien ist ein gutes Beispiel, der dortige Markt ist groß und bietet hohes Skalierungspotenzial für Betreiber von Versorgungs- und Energieübertragungsnetzen. Doch auch in Brasilien und China sehen wir große Gelegenheiten.

Sind Investitionen in China unter politischen Gesichtspunkten für Sie überhaupt gangbar?

Es ist schon richtig, dass die regulatorische Unsicherheit in der Volksrepublik höher ist als in anderen Ländern. Zudem besteht eine gewisse Schere zwischen dem Wachstumspotenzial und den Renditen, die für private Investoren zugänglich werden, da das Infrastruktursegment immer noch recht stark auf Unternehmen in staatlicher Hand konzentriert ist. Das bremst den Enthusiasmus für Anlagen in China natürlich. Dennoch besteht auch dort hoher Investitionsbedarf.

Welche Aussichten besitzen Investitionen in gelistete Infrastruktur gegenüber Beteiligungen an ungelisteten Assets?

In Schwellenländern herrscht seit Jahren eine hohe Aktivität bei ungelisteten Assets. Investoren kaufen Anteile an Solarfarmen und Windparks in Emerging Markets, um die geografische Diversifikation ihres Portfolios zu steigern. Allerdings bergen Investitionen in solche Einzelassets höhere Risiken, da sich Anleger dabei abhängig von Wetterphänomenen und Verlustraten in bestimmten Übertragungsnetzen machen. Dagegen haben gelistete Assets deutliche Wettbewerbsvorteile.

Inwiefern?

Zunächst besitzen die Betreiber als etablierte Spieler im Markt gute Beziehungen zu lokalen Regierungen und verstehen das regulatorische Umfeld, was ihnen bei klaren vertraglichen Konditionen einfachen Zugang zu Projekten und attraktiven Renditen verschafft. Diese Unternehmen verfügen überdies über robuste Bilanzen und höhere Möglichkeiten zur Skalierung. Dabei sind die Bewertungen, die ungelistete Projekte bei Transaktionen erzielen, konstant um ein Vielfaches höher als die Multiples im Handel mit gelisteter Infrastruktur.

Welche Bedeutung nimmt Kommunikationsinfrastruktur in Ihren Portfolios ein?

Das ist für uns ein sehr wichtiges Subsegment. Wir investieren in Funkturmgesellschaften wie die europäischen Vertreter Cellnex und Vantage Towers oder die amerikanischen Pendants American Tower und Crown Castle, die Gebühren von Telekommunikationsanbietern erheben. In diesem Segment bestehen hohe Eintrittsbarrieren, was die Position der Betreiber enorm stärkt.

Beschneiden diese hohen Eintrittsbarrieren nicht auch das Wachstum Ihres Investmentuniversums?

Unser Anlageuniversum ist groß genug und global diversifiziert. Insgesamt besteht es aus rund 700 Unternehmen, von denen wir die 200 Eigner harter Assets herausfiltern, die aus unserer Sicht am stärksten vom Wachstum des Infrastrukturbedarfs profitieren. In den vergangenen Jahren haben wir durch Börsengänge und Übernahmen zudem einen gesunden Zustrom neuer Unternehmen beobachtet. Die Gelegenheiten im Segment sind so spannend wie vielleicht niemals zuvor.

Das Interview führte

BZ+
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