Finanzierungsrunden

Venture Capital wagt etwas weniger

Nach einem Rekordjahr müssen Start-ups in Deutschland einen Rückgang bei den Finanzierungsrunden von Investoren verkraften. Die Wachstumsfirmen sammelten im ersten Halbjahr gut 6 Mrd. Euro Risikokapital ein – rund 20 % weniger als im Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Finanzierungsrunden fiel um 7 %.

Venture Capital wagt etwas weniger

cru Frankfurt

Die Rekordjagd für Venture Capital ist hierzulande vorerst beendet. Deutsche Start-ups haben gemessen am Volumen und der Anzahl der Finanzierungsrunden zwar immerhin noch das zweitbeste erste Halbjahr aller Zeiten hinter sich. Sie haben aber mit 6 Mrd. Euro rund 20% weniger als in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres eingesammelt. Das zeigt die am Freitag veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung EY. Auch die Zahl der Finanzierungsrunden fiel auf 549, blieb aber damit klar über dem Niveau der Jahre vor 2021.

Im ersten Halbjahr 2022 gab es abermals 15 Top-Deals mit einem Volumen von mehr als 100 Mill. Euro. Die größten Finanzierungssummen erhielten das Logistik-Start-up Forto (229 Mill. Euro) und der Online-Broker Trade Republic (227 Mill. Euro) – beide Jungunternehmen sitzen in Berlin. Die Schallmauer von 200 Mill. Euro knackten außerdem die Steuererklärungs-App Taxfix aus Berlin, das Cleantech-Start-up 1Komma5° aus Hamburg und der grüne Wasserstoff-Elektrolyseur Hy2gen aus Hessen.

Das Investitionsniveau bleibt im Vergleich zu den vergangenen Jahren weiter hoch – von dem vielfach befürchteten Einbruch ist zumindest noch nichts zu sehen: „Es ist immer noch viel Liquidität im Markt, Investoren schauen aber genauer, wo sie investieren“, sagte EY-Partner Thomas Prüver. Geopolitische Unsicherheiten, die Zinswende und unklare Konjunkturaussichten sorgten für viel Unsicherheit, die in den Zahlen des ersten Halbjahres möglicherweise noch nicht ganz abgebildet sei.

Wachstumsfirmen haben in der Pandemie davon profitiert, dass die Digitalisierung einen Schub bekam – etwa bei Online-Shopping, Finanzgeschäften oder Essenslieferungen. 2021 sammelten hiesige Start-ups laut EY die Rekordsumme von 17,4 Mrd. Euro Risikokapital ein. Es gab einige sehr große Finanzierungsrunden – etwa für den Lieferdienst Gorillas, die Softwarefirma Celonis und die Smartphone-Bank N26.

Markt dreht

Doch mit dem Ukraine-Krieg und steigenden Zinsen hat sich der Markt gedreht. Vor allem die Kurse der Tech-Aktien brachen ein, da die künftig erwarteten Gewinne nun mit einem höheren Zinssatz diskontiert werden. Gerade wurde bekannt, dass die Bewertung des schwedischen Bezahldienstes Klarna um 85% eingebrochen ist. Einige Start-ups haben bereits viele Stellen abgebaut.

Mehr als jeder zweite in Start-ups investierte Euro landet laut EY in der Hauptstadt, deren Jungunternehmen 3,25 Mrd. Euro anzogen. In Berlin gab es mit 219 Finanzierungsrunden mehr als in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hamburg zusammen. Beim Volumen kam Bayern mit 1,16 Mrd. Euro auf Rang zwei, jedoch halbierte sich die Summe gemessen am Vorjahreszeitraum. Deutlich zugelegt haben unter anderem Hessen und Hamburg, die von großen Finanzierungsrunden profitierten.

„Das Start-up-Herz Deutschlands schlägt weiter in der Hauptstadt“, konstatiert EY-Partner Prüver. „Moderne Metropolen wie Berlin ziehen Menschen an, hervorragend ausgebildete Talente aus dem In- und Ausland wollen hier hin.“

Vier Branchen erhielten im ersten Halbjahr Finanzierungssummen jenseits der 700-Mill.-Euro-Schwelle: Das meiste Risikokapital floss mit unverändert 1,8 Mrd. Euro in Softwarefirmen. Einen Finanzierungsboom gab es für Energiefirmen: Mehr als 900 Mill. Euro an Investitionen flossen in die Branche – gut 870 Mill. Euro mehr als im ersten Halbjahr 2021. Dahinter folgt Mobilität mit einem Volumen von 844 Mill. Euro – im ersten Halbjahr 2021 war es mit 1,4 Mrd. Euro allerdings noch fast doppelt so hoch. Noch deutlicher war der Rückgang bei Fintechs und Insurtechs: Hier sank das Finanzierungsvolumen von mehr als 2 Mrd. Euro auf 760 Mill. Euro.

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