Halbjahresbilanz

Risiko-Assets gehen in die Knie

Die Bilanz an den Kapitalmärkten für das erste Halbjahr ist bitter: Denn Risikoassets wie Bitcoin, Technologietitel und Aktien insgesamt sind eingebrochen. Auch bei Anleihen gab es herbe Verluste. Deutlich zugelegt haben der Ölpreis und Rüstungsaktien.

Risiko-Assets gehen in die Knie

Von Werner Rüppel, Frankfurt

Für die meisten Investoren schaut die Halbjahresbilanz in diesem Jahr ausgesprochen trübe aus. Denn nicht nur Risikoaktiva wie Aktien oder Bitcoin gingen in die Knie. Auch die Kurse von im Grunde als sicher erachteten Staatsanleihen sackten durch, und dies in einem Ausmaß wie seit 1994 nicht mehr gesehen. Hingegen haben Öl- und Gaspreise sehr deutlich zugelegt. Auch der Dollar konnte sich gegenüber dem Euro befestigen, der immer mehr zu einer eher schwachen Währung mutiert. Blickt man auf die Ende 2021 aufgestellten Prognosen der Analysten und Volkswirte für die Kapitalmärkte 2022 zurück, hat praktisch niemand mit diesem Einbruch bei Aktien und Anleihen gerechnet. Doch ähnlich wie der 11. September oder der Insolvenz von Lehman Brothers am 15. September 2008 waren die Ereignisse in diesem Jahr überraschend und schwerlich vorherzusehen.

Das Schlüsselereignis, vielleicht auch der schwarze Schwan, der die Kapitalmärkte ins Rutschen brachte, war der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine am 24. Februar. Dieser Krieg mitten in Europa, der andauert und sich auch noch länger fortsetzen könnte, gleicht einer Zeitenwende. Und dies nicht allein für die Politik, sondern auch für die Märkte. Denn bis zum 24. Februar haben die großen Notenbanken die Leitzinsen auf null oder sehr niedrig gehalten und reichlich Liquidität in die Märkte und in die Wirtschaft gepumpt. Nun ist plötzlich zunächst über die massiv angestiegenen Energiepreise, aber auch bereits über Zweitrundeneffekte die Inflation zurück. Sowohl in den USA als auch in Euroland sind die Teuerungsraten im Vergleich zum Vorjahr zwischenzeitlich auch 8% und mehr gestiegen, ein Niveau, das wir zuletzt vor rund 30 Jahren gesehen haben.

Fed hebt kräftig an

Auf solch eine Entwicklung müssen die Notenbanken, wenn sie die Preisstabilität verteidigen wollen, reagieren. Und die US-Notenbank Fed hat dies auch in Form von drei Leitzinserhöhungen getan, die letzte sogar in aller Deutlichkeit mit 75 Ba­sispunkten. Auch die Bank of England, die Schweizer Notenbank und andere Notenbanken haben bereits ihre Leitzinsen erhöht. Die Zinswende ist also da, auch in der Eurozone. So hat die Europäische Zentralbank (EZB) zwar ihren Leitzins noch nicht erhöht, aber bereits eine Straffung für Juli angekündigt. Die EZB agiert zwar noch deutlicher hinter der Kurve, wird aber, wenn sie den Wert des Euro sichern will, auch kräftig anziehen müssen. Denn über einen dauerhaft schwachen Euro Inflation zu importieren, daran kann der EZB auch nicht gelegen sein. Auch Leitzinsen sind übrigens relative Preise. Erhöht die EZB ihren Leitzins nicht kräftig und bleibt hinter anderen großen Notenbanken wie zum Beispiel der Fed zurück, dürfte sich der Euro weiter abschwächen. Im ersten Halbjahr verlor die Gemeinschaftswährung gegenüber dem Dollar gut 8% auf 1,0455 Dollar. Gegenüber dem Schweizer Franken hat der Euro die Parität inzwischen bereits erreicht, auch gegenüber dem Dollar rückt sie näher.

Goldilocks-Szenario vorbei

Das Goldilocks-Szenario an den Märkten mit niedrigen Zinsen, reichlich Liquidität und steigenden Unternehmensgewinnen hat also ein abruptes Ende gefunden. Wobei die Notenbanken und auch die Regierungen infolge der Pandemie noch einmal richtig Gas gegeben hatten, und damit die extrem hohe Teuerung mit beförderten. Kehrtwende, jetzt geht es massiv andersherum. Und von dem erfahrenen Fondsmanager Jens Ehrhardt, der auch die 70er Jahre kennt, wissen wir, dass der monetäre Faktor mit der wichtigste für die Aktienmärkte ist. Wie heißt es so schön: „Don’t fight the Fed.“

Die Bilanz für Dividendentitel fällt denn auch trübe aus: Die gehypten Technologiewerte im Nasdaq 100 haben in den ersten sechs Monaten 29,2% an Wert verloren, aufgrund des festen Dollar beträgt das Minus in Euro gerechnet aber nur 23,5%. Dabei hat die Kurskorrektur trotz steigender Unternehmensgewinne auch Big Tech erwischt. Und Börsenlieblinge wie Amazon oder Tesla haben in Dollar rund 36% eingebüßt. Nach unten durchgereicht, in Amerika wie auch hierzulande, wurden Unternehmen, die nicht geliefert haben und deutlich hinter den mitunter auch zu hoch gesteckten Erwartungen blieben. So hat Netflix in Dollar 71% an Wert verloren. Ältere Anleger erinnert das an das Platzen der Dotcom-Blase.

Auch mit dem Euroland-Aktienindex Euro Stoxx 50 und mit dem Dax 40 ging es im ersten Halbjahr steil bergab. Dabei war der deutsche Leitindex Anfang Januar noch kurz auf ein Allzeithoch bei 16272 Punkten geklettert. Doch als russische Truppen aufmarschierten und die Ukraine überfielen, ging es abwärts. Damit verloren fast alle Standardwerte wie zum Beispiel eine BASF und insbesondere Zykliker inklusive Autotitel deutlich an Boden. Und angesichts steigender Zinsen wurde auch ein über viele Jahre favorisierter Wohnimmobilienwert wie Vonovia nach unten durchgereicht. Besonders stark in die Knie ging Onlinehändler Zalando mit einem Kursverlust von 65%. Die Aktie des Essenlieferanten Delivery Hero gab 64% ab und gehört inzwischen nicht mehr der ersten deutschen Börsenliga an. Die Gewinner der Pandemie wurden zu Verlierern, als Corona abflaute und die Zinsen anzogen. Kurzum: Online und digital sind schöne Schlagworte, aber am Aktienmarkt keineswegs ein Selbstläufer. Letztendlich zählen dann doch Cashflows und Gewinne.

Per Ende Juni liegt der Dax bei 12784 Punkten, so dass sich der Halbjahresverlust auf 19,5% stellt. Im Vergleich zu früheren Börseneinbrüchen ist dies übrigens nicht viel. Daher schließen Analysten – haben die Belastungsfaktoren Bestand – auch einen Absturz des deutschen Leitindex bis auf 11000 oder 10000 Punkte durchaus für möglich. Dann dürfte, zumindest gemessen an historischen Mustern, sich für Anleger auch ein Wiedereinstieg in den deutschen Aktienmarkt langfristig lohnen.

Gleichwohl hat es an den Aktienmärkten im ersten Halbjahr auch Gewinner gegeben. Das waren dann Ölproduzenten, Rohstoffunternehmen und vor allem Rüstungsfirmen. Schließlich rüstet jetzt auch der Westen angesichts der Bedrohung durch Russland massiv auf. Davon profitierten am deutschen Aktienmarkt vor allem Rheinmetall, deren Kurs 165% auf 220,30 Euro massiv zugelegt hat. Zudem gewannen Hensoldt 93% auf 24,10 Euro. Im Rohstoff­sektor kletterten K+S 53% auf 23,19 Euro.

Gasknappheit

Am Energiemarkt hat sich herausgestellt, dass die Abhängigkeit von Russland hoch ist, und das vor allem bei Gas. Daher könnte gerade die deutsche Wirtschaft im kommenden Winter unter einer Gasknappheit leiden. Wobei sowohl Sanktionen des Westens, der weniger oder bald gar kein Öl mehr aus Russland beziehen will, als auch Maßnahmen Russlands, das unter anderem die Gaslieferungen gedrosselt hat bzw. die Belieferung einzelner Länder ganz eingestellt hat, die Energiepreise nach oben treiben. Im ersten Halbjahr ist der Gaspreis kräftig geklettert, und der Preis für die Ölsorte Brent hat in Euro satte 50% zugelegt.

Davon, dass die Notenbanken den Zins abgeschafft hatten und Liquidität im Überfluss zur Verfügung stellten, haben alle Risikoassets in den vergangenen Jahren profitiert. Dabei hatten die Kryptowährungen unter Führung von Bitcoin besonders massiv gut gelegt. Und bei jeder Spekulationsblase, angefangen von der Tulpenmanie bis hin zum Neuen Markt, gilt: Die Hausse nährt die Hausse. Denn steigende Preise locken Spekulanten, die auf noch höhere Preise setzen, an. Selbst wenn Assets wie Kryptowährungen keinen intrinsischen Wert haben. Klettern dann die Zinsen, und fallen die Preise, platzt dann häufig die Blase. So geschehen im ersten Halbjahr im Kryptosektor. So hat sich der Wert mancher zuvor neu geschaffener Kryptowährungen geradezu pulverisiert. Bitcoin hat im ersten Halbjahr in Euro satte 55% an Wert verloren. Dass Bitcoin geeignet ist, in einem Portfoliozusammenhang Risiken zu begrenzen, wurde von der Wirklichkeit widerlegt. Bitcoin-Investments sind extrem riskant und erhöhen auch in einem Portfolio die Risiken.

Wenn die Aktienmärkte einbrechen, dann wirken oftmals Staatsanleihen als Stütze. Nicht so im ersten Halbjahr, denn infolge der Zinswende gab es auch mit langlaufenden Bonds kräftige Verluste. So haben zehnjährige Bunds gemessen am Rex Performance rund 12% an Wert verloren. Noch wesentlich höhere Verluste erlitten Investoren, die eine Anleihe Österreichs mit 100-jähriger Laufzeit im Depot haben. Immerhin erachten einige Investoren die Renditen für zweijährige US-Treasuries wieder als interessant. Zumal man diese notfalls durchhalten kann und der Dollar gegenüber dem Euro fest tendiert.

Ähnlich wie 1994 wurden im ersten Halbjahr viele Marktteilnehmer von dem massiven Renditeanstieg in kurzer Zeit am Anleihemarkt geradezu überrascht. Auch die Spreads Italien und Griechenland gegenüber Bundesanleihen sind wieder kräftig geklettert, und es wird wieder von einer drohenden Euro-Krise gesprochen. In kurzer Zeit extrem geklettert sind auch die Zinsen hierzulande für langlaufende Baufinanzierungen. Dies bringt so manche Baupläne ins Rutschen, und insbesondere die stark gestiegenen Preise am Wohnimmobilienmarkt dürften eher stagnieren denn weiter kräftig anziehen. Reagiert haben bereits die Kurse von Immobilienaktien mit massiven Einbrüchen. Hier sprechen Analysten aufgrund der erheblich gestiegenen Finanzierungskosten aktuell von einem „perfekten Sturm“.

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