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Redaktion

GELD ODER BRIEF
Von Sebastian Schmid, New York

"We sell stuff" - "Wir verkaufen Zeug" - war lange Zeit der Werbespruch von Amazon. Das gilt allerdings nicht nur für die Milliarden Produkte, die der weltgrößte Online-Händler jedes Jahr verkauft. Auch die Aktien gehen weg wie warme Semmeln - ob zu einem angemessenen Preis, scheint dabei sekundär. Der 1994 vom heutigen CEO Jeff Bezos gegründete Konzern wird derzeit an der Börse mit 105 Mrd. Dollar bewertet. Seit Ende Januar 2009 hat sich der Kurs der Aktie auf derzeit 233 Dollar nahezu vervierfacht.

Dabei ist der Gewinn trotz enormer Umsatzsprünge sogar geschrumpft. Blieben dem Unternehmen 2008 unter dem Strich noch 645 Mill. Dollar bzw. 1,49 Dollar je Aktie, waren es 2011 nur noch 631 Mill. bzw. 1,37 Dollar je Titel. Im laufenden Jahr wird von Analysten im Schnitt sogar ein regelrechter Absturz des Ergebnisses auf 81 Cent je Titel erwartet. Im zweiten Quartal war das Ergebnis um 96 % eingebrochen. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Königs im globalen Internethandel ist mittlerweile auf 287 hochgeschnellt. Ein Wert, den sonst nur weit jüngere Unternehmen aus margenstärkeren Branchen wie dem Softwaregeschäft zugesprochen bekommen.

Ein Hauptgrund, warum der 18 Jahre alte Konzern so enorme KGV-Werte erzielt, ist das konstant hohe Wachstumstempo. Von 2007 bis 2011 hat der Online-Händler seinen Umsatz auf 48 Mrd. Dollar mehr als verdreifacht. Im ersten Halbjahr kletterten die Erlöse erneut um gut 30 % auf 26 Mrd. Dollar. Dabei macht der Verkauf von Produkten über das Internet noch immer nur einen Bruchteil des gesamten Einzelhandels aus - selbst im Vorreiterland USA. Den Marktforschern von Forrester zufolge lag der Anteil im vergangenen Jahr mit 202 Mrd. Dollar Umsatz lediglich bei 7 %. Bis 2016 soll er auf 9 % bzw. 327 Mrd. Dollar steigen. Dabei legt die Zahl der Produktgruppen, die einen hohen Anteil (über ein Fünftel) ihrer Erlöse online erzielen, stetig zu. Anfang des Jahrtausends war das nur in drei Produktgruppen der Fall. Mittlerweile sind es acht, bis 2016 sollen es laut Forrester 14 sein.

Harter Preiswettbewerb

Für Amazon sind das gute Nachrichten, will der US-Konzern doch als Vollsortimentanbieter punkten. Schon heute werden Artikel aus fast allen Kategorien angeboten. Ob das Unternehmen als reiner Online-Einzelhändler indes jemals die Profitabilität erreichen kann, die die Bewertung suggeriert, darf bezweifelt werden. Der Preiswettbewerb ist nach wie vor knallhart, da die Kunden im Internet beste Vergleichsmöglichkeiten haben. Im Heimatmarkt USA dreht das Unternehmen daher auch an kleinsten Stellschrauben, um die Marge zu heben. So werden gefragte Artikel, die nur in geringer Stückzahl auf Lager sind, zuweilen schon mal über der Unverbindlichen Preisempfehlung (UVP) des Herstellers angeboten.

Mittelfristig will Amazon allerdings vor allem mit digitalen Inhalten Geld verdienen und hofft dort höhere Margen als im kapitalintensiven Versandhandel einzufahren. Für dieses Ziel wurde etwa das elektronische Lesegerät Kindle entwickelt, das in den USA den Markt beherrscht. Mit dem Kindle Fire stellt Amazon zudem einen günstigen Tablet-Rechner her, der über die gesamte Produktlebensdauer nach Apples iPad das meistverkaufte Gerät seiner Klasse sein dürfte. Allerdings gibt es in diesem Segment knallharte Konkurrenz durch Elektronikkonzerne wie Samsung. Im jüngsten Quartal sollen die Koreaner mit 2,4 Millionen abgesetzten Tablet-Rechnern bereits an Amazon (1,3 Millionen) vorbeigezogen sein. An Apples iPad (17 Millionen Verkäufe) kommt bis auf Weiteres ohnehin kein Rivale vorbei.

Amazon dürfte dies indes verschmerzen. Gewinn bringen sollen dem Unternehmen mittelfristig nicht die Verkäufe der Hardware, sondern die der zugehörigen Inhalte: E-Books, Filme und Musik. Und hier zeigt sich Amazon - im Gegensatz zu Apple mit dem iTunes-Store - Plattform-agnostisch. Sowohl für Smartphones von Apple als auch von Nokia, Research in Motion und Samsung bietet Amazon Inhalte an. Der Konzern investiert kräftig, um das Angebot digitaler Medien stetig auszuweiten. Vergangenes Jahr wurde etwa der britische Online-Filmverleiher Lovefilm geschluckt, um im Filmverleih zu wachsen. Diese Woche hat Amazon schließlich die Applikation "Amazon Instant Video" für Apples iPad auf den Markt gebracht, über die 120 000 Filme von den Servern des Online-Händlers abrufbar sind. Auch hier setzt Amazon offenbar voll auf Wachstum: Für Prime-Mitglieder, die gegen eine Jahresgebühr bereits den Versand aller Artikel innerhalb von zwei Werktagen sowie die Ausleihe von zwölf Kindle-E-Books im Jahr kostenlos erhalten, ist auch dieses Angebot für lau. Konkurrent Netflix nimmt derzeit 8 Dollar im Monat - Amazons kompletter Prime-Service kostet nicht einmal 6,60 Dollar auf die zwölf Jahresabschnitte gerechnet.

Eine weitere Wachstumsoption soll der Groupon-Konkurrent Living Social sein, an dem Amazon derzeit 29 % hält. Der nicht börsennotierte Online-Rabattvermittler macht dem Großaktionär indes wenig Freude. Allein im zweiten Quartal hat Amazon knapp ein Zehntel der Beteiligung abgeschrieben. Zuletzt entließ Living Social Ende Juli zwölf Mitarbeiter - darunter drei Führungskräfte -, weil man dem direkten Konkurrenten Groupon nicht näher kommt, der selbst mit Problemen zu kämpfen hat.

Angesichts der Tatsache, das Amazon noch voll auf Marktanteilsgewinne ausgerichtet ist, gehen Investoren und Analysten dennoch davon aus, dass bei den zahlreichen Aktivitäten in Zukunft der Schalter auf Gewinnmaximierung umgelegt werden kann. Unter 33 Analystenmeinungen befindet sich derzeit nicht eine Verkaufsempfehlung. 23 Unternehmensbeobachter raten trotz der hohen Bewertung zum Kauf der Titel. Dabei könnten die ohnehin schon dünnen Margen im Kerngeschäft weiter unter Druck geraten. Seit 1. Juli muss Amazon etwa in Texas Umsatzsteuer abführen. Andere Staaten wollen dem Vorbild der Texaner folgen, die das Steuerschlupfloch geschlossen haben, weil im Einzelhandel viele Jobs verloren gingen. Dass ausgerechnet das republikanisch regierte Texas den Steuervorteil ausmerzt, sollte Anlegern Kopfzerbrechen bereiten. Politische Beobachter erwarten, dass das Steuerschlupfloch bald schon landesweit geschlossen wird. So mancher Amazon-Investor dürfte unsanft aus seinem Tagtraum erwachen.

Börsen-Zeitung, 03.08.2012, Autor Sebastian Schmid, New York, Nummer 148, Seite 17, 896 Wörter

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