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Redaktion

Deutschland könnte deutlich mehr Life-Science-Innovationen in den Markt bringen - Einige Rahmenbedingungen gilt es mutig und zügig zu verbessern

Krebs, Rheuma, Alzheimer - viele schwere Krankheiten sind bis heute nicht heilbar oder nur bedingt therapierbar. Das weltweite medizinische Wissen verdoppelt sich innerhalb weniger Jahre, und gleichzeitig wird die Entwicklung neuer Medikamente immer langwieriger, aufwendiger und kostenintensiver.

Große Fortschritte im Kampf gegen bestimmte Krebs- oder Autoimmunkrankheiten konnten mithilfe biopharmazeutischer Wirkstoffe erzielt werden, die sich innerhalb von rund zwei Jahrzehnten von einem medizinischen Novum zu einem festen Therapiebestandteil entwickelt haben. Mittlerweile sind sieben der zehn umsatzstärksten Medikamente Biopharmazeutika, und bereits seit einigen Jahren ist Humira von Abbvie, ein Biologikum gegen schwere entzündliche Erkrankungen wie rheumatoide Arthritis, das erlösstärkste Arzneimittel weltweit.

An Boden verloren

Vor allem Innovationen von jungen Unternehmen und Start-ups füllen die Entwicklungspipelines der Biopharmaindustrie. Allerdings haben Europa und Deutschland gegenüber den USA, dem weltweit größten Markt, und einem stark wachsenden Bereich in China in den vergangenen Jahren an Boden verloren. Deutsche Wissenschaftler seien zwar stark in der Grundlagenforschung, gab kürzlich eine Publikation zu bedenken, die Möglichkeiten, die sich daraus für die Produktentwicklung und Kommerzialisierung ergeben, würden von heimischen Investoren aber kaum geschätzt. Stattdessen seien Start-ups immer stärker auf ausländische Geldgeber angewiesen.

Dies führt dazu, dass deutsche Biotech-Unternehmen wie der Mainzer Krebsforschungsspezialist Biontech oder Centogene aus Rostock, deren Fokus auf Datenanalyse und Forschung bei seltenen Krankheiten liegt, an der New Yorker Börse gelistet sind. Auch Immunic aus München wählte nach einem Reverse Merger mit Vital Therapies die Nasdaq.

Viel zu geringe Translation

Die relative Schwäche Deutschlands beginnt bereits bei der viel zu geringen Translation, also der unzureichenden Überführung von Forschungsergebnissen in den Markt. Die Beratungsgesellschaft EY bemängelt in einem Artikel, dass außer einigen Leuchttürmen wie Qiagen, Evotec oder Morphosys in Deutschland die Breite der Branche weit zurückfalle, obwohl das Potenzial hierzulande angesichts der starken Forschungslandschaft riesig sei. Trotz Milliarden für die Forschungsförderung komme wenig Wertschöpfung heraus. Dies hat Folgen: Die Zahl der biopharmazeutischen Präparate in der klinischen Entwicklung ging laut Verband der forschenden Pharmaunternehmen 2018 in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr zurück.

Dabei ist die Biopharmabranche aufgrund ihrer Innovationsgeschwindigkeit derzeit so spannend wie kaum eine andere. Weltweit werden die Forschungsanstrengungen erhöht, um Mittel gegen seltene oder bislang unheilbare Krankheiten zu entwickeln. Mittlerweile sind vier von zehn Medikamenten in den Forschungs-und-Entwicklungs(F&E)-Pipelines Biologika. Außerdem sind auf dem Gebiet der Gen- und Zelltherapie in der jüngeren Vergangenheit therapeutische Durchbrüche gelungen, die auf weitere Fortschritte hoffen lassen, und auch regenerative Behandlungsansätze erscheinen zunehmend realistisch.

Dies alles findet vor dem Hintergrund starker nachhaltiger demografischer Trends statt, denn die Weltbevölkerung wächst und altert. Durch eine größer werdende Mittelschicht steigt die Zahl derer, die sich Medikamente auf westlichem Niveau leisten können. Zudem wird es im Jahr 2050 rund zwei Milliarden Menschen über 60 Jahre geben, die statistisch deutlich mehr Arzneien benötigen als jüngere Teile der Bevölkerung.

Die Komplexität von Biologika führt allerdings zu einer sehr langen Entwicklungszeit und hohen Kosten: Durchschnittlich wird aus nur jedem 10 000. Wirkstoffkandidaten ein zugelassenes Medikament. Zudem dauert es mittlerweile im Durchschnitt länger als zehn Jahre bis zur Zulassung bei Entwicklungskosten von weit über 1 Mrd. Euro. Auch die Produktion von Biopharmazeutika ist anspruchsvoll.

Die Kombination vieler unterschiedlicher Faktoren entscheidet über die Qualität und damit die Wirtschaftlichkeit des fertigen Medikaments. Denn nur unter optimalen Bedingungen produzieren lebende Zellen den Wirkstoff in möglichst großer Menge, und auch nachfolgende Produktionsschritte sind aufwendig und komplex. Die Folge: Biotech-Medikamente sind deutlich teurer als herkömmliche Arzneien. Ein - sicher extremes - Beispiel ist Zolgensma von Novartis, das als derzeit teuerstes Medikament der Welt gilt und in der Gentherapie bei spinaler Muskelatrophie eingesetzt wird. Hier liegen die Kosten in den USA bei rund 2,1 Mill. Dollar pro Therapie.

Mit Blick auf die Finanzierung der Gesundheitssysteme wird klar: Mit einer wachsenden Nachfrage nach biopharmazeutisch hergestellten Medikamenten steigt auch der Bedarf an leistungsfähigen Lösungen, mit denen die Entwicklungszeit von Biopharmazeutika verringert und deren Herstellung vereinfacht werden kann. Großes Innovationspotenzial gibt es über das gesamte Spektrum der Biopharmazie und der Life Sciences - von der Entwicklung neuartiger Therapien bis zu Technologien zur Steigerung der Effizienz in Forschung und Entwicklung sowie in der Produktion.

Welche Ansatzpunkte gibt es? Zuerst ist es die ureigene Aufgabe jedes Unternehmens, laufend in Innovation zu investieren. Mit Blick auf die Überführung von Ergebnissen aus der Forschung in den Markt kann und sollte jedoch auch der Staat sei-ne Hausaufgaben machen. Hierzu gehören insbesondere eine international wettbewerbsfähige steuerliche Behandlung von Venture-Investitionen und die Stärkung der Ausgründungskompetenzen der Hochschulen. Dabei können viele deutsche Universitäten und andere Forschungseinrichtungen auch selbst deutlich kraftvoller handeln.

Zudem gibt es an den Schnittstellen von etablierten Unternehmen und Forschungseinrichtungen sowie Start-ups großes ungenutztes Potenzial. Kooperationen lassen sich in verschiedenen Formaten gestalten, ohne dass etwa die Unabhängigkeit öffentlicher Forschung eingeschränkt würde.

Intensive Kooperationen

Bei Sartorius arbeiten wir mit einer Reihe externer Partner an übergeordneten Innovationsthemen, um künftige Schlüsseltechnologien und Anwendungsfelder zu identifizieren und neue Lösungsansätze zu entwickeln. Damit spielen wir auch aktuelle Anwendungsprobleme zurück in die akademischen Institutionen. Ein Beispiel dafür ist das "Sartorius Artificial Intelligence Lab", das wir zusammen mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz betreiben und in dem wir an Methoden zur optimierten Steuerung biopharmazeutischer Herstellprozesse arbeiten.

Weitere intensive Kooperationen mit Spitzenwissenschaftlern zeigen, in welche Richtung wir hier denken. Zudem setzen wir auf Beteiligungen an Start-ups: So sind wir beispielsweise an einem jungen Unternehmen beteiligt, das einen sprachgesteuerten digitalen Laborassistenten entwickelt hat, und an zwei Start-ups, die Technologien zur Herstellung innovativer Zelltherapeutika entwickelt haben.

Der weltweite Wettbewerb um Innovationen hat sich in den vergangenen Jahren auf allen Feldern deutlich verschärft. Damit wir in Deutschland in einer führenden Position mithalten können, müssen wir die Intensität, Durchlässigkeit und Marktorientierung unserer Innovationsnetzwerke stärken. Viele Beispiele aus Unternehmen zeigen, dass diese eine entscheidende Rolle spielen: Florenz Sartorius gründete 1870 seine "Feinmechanische Werkstatt" aus der Zusammenarbeit mit Göttinger Universitätsprofessoren heraus, und ein gutes halbes Jahrhundert später gingen seine Söhne ein Joint Venture mit dem in Göttingen forschenden Nobelpreisträger und Erfinder der Membrantechnologie Richard Zsigmondy ein.

Heute, genau 150 Jahre nach seiner Gründung, ist Sartorius darauf fokussiert, die Entwicklungs- und Herstellprozesse in der Life-Science- und Biopharmabranche zu vereinfachen und zu beschleunigen. Unser übergeordnetes Ziel ist es, dazu beizutragen, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse schneller und kostengünstiger in neue Therapeutika überführt werden können und damit mehr Menschen Zugang zu besserer Medizin erhalten.

Unsere Bioanalytik-Instrumente helfen Wissenschaftlern, Krankheiten besser zu verstehen und geeignete Wirkstoffmoleküle zu identifizieren, um schneller und effizienter neue Therapien zu entwickeln. Wir bieten Produkte und Lösungen zur flexiblen und effizienten Herstellung von Biopharmazeutika, von Zelllinien über Bioreaktoren bis zu Aufreinigungstechnologien. Über das gesamte Produktspektrum hinweg integrieren wir zunehmend moderne Methoden der Datenanalyse, die in der Biopharmabranche bislang nur sehr begrenzt eingesetzt werden. Beinahe alle genannten Beispiele sind das Ergebnis intensiver Kooperationen mit Forschungsinstitutionen und Start-ups.

Die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen wird größten-teils auf der Innovationsseite entschieden. Im weltweiten Ringen um die dynamische Umsetzung neuen Wissens in marktfähige Produkte liegen derzeit die USA und Asien vorne. Doch gerade in der Zukunftsbranche Biotechnologie könnte Deutschland aufschließen, wenn einige Rahmenbedingungen mutig und zügig ver-bessert würden und in starke Netzwerke investiert würde. Das würde nicht nur den Unternehmen zugutekommen, sondern vor allem auch den Patienten.

Joachim Kreuzburg, CEO der Sartorius AG

Börsen-Zeitung, 29.02.2020, Autor Joachim Kreuzburg, CEO der Sartorius AG, Nummer 42, Seite B 2, 1152 Wörter

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https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2020042802&titel=In-der-Zukunftsbranche-Biotechnologie-aufschliessen
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