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Redaktion

Mitbestimmung, demokratischer Aufbau, Förderung der Mitglieder zählen zu den inhärenten Merkmalen

Das Datum der diesjährigen Bilanz-Pressekonferenz zur Entwicklung der 168 baden-württembergischen Volksbanken und Raiffeisenbanken im Jahr 2019 hat sich mir nachhaltig eingeprägt. Es war der 7. März - und tags darauf hat ein Redakteur geschrieben: "Es dauerte immerhin 16 Minuten, bis erstmals das Wort ,Corona` fällt." In der Tat würden wir heute keine 16 Minuten durchhalten, ohne das Virus zu erwähnen: Vier Tage später hat die WHO die weltweit ausgebrochene Lungenkrankheit als Pandemie eingestuft, und seither ist vieles nicht mehr wie zuvor.

Mittlerweile sind rund sechs außergewöhnliche Monate vergangen: Die deutsche Wirtschaft wurde mit voller Wucht getroffen, und die konjunkturellen Einschnitte seit dem Frühjahr sind enorm. Auch wenn die jüngsten Wirtschaftszahlen Hoffnung machen, dass der Tiefpunkt der Rezession durchschritten ist, so ist klar: Die Coronakrise war und ist ein beispielloser Stresstest für die deutsche Wirtschaft. Der Rückgang des preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts dürfte im Jahr 2020 bei etwa 6 % liegen, und mit dem Erreichen des Ausgangsniveaus der gesamtwirtschaftlichen Produktion ist wohl erst 2022 zu rechnen.

Dies liegt zum einen an der geringeren globalen Nachfrage, die sich erst nach und nach wieder erholen dürfte. Es liegt zum anderen aber ebenso an der Binnennachfrage, die ebenfalls nur allmählich wieder steigen dürfte. Denn die verfügbaren Einkommen werden trotz der umfangreichen Hilfeleistungen des Bundes und der Länder deutlich geringer ausfallen. Auch ist in zeitverzögertem Abstand mit einem Anstieg der Insolvenzen zu rechnen.

Ebenso ist die Pandemie aber auch ein Stresstest für unsere Gesellschaft, woraus sich grundsätzliche Fragen ergeben: Wie ist es mit dem Zusammenhalt der Gesellschaft in einer echten Krisensituation bestellt? Wie viele und welche Einschnitte, Regeln und Verordnungen werden akzeptiert? Wie entwickelt sich das Vertrauen in die Politik und deren Entscheidungen? Ist die Krise eine Gefahr für die Demokratie? Und wie viel Solidarität wird gelebt?

Der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband vertritt die Interessen von genossenschaftlichen Unternehmen aus mehr als 50 Branchen. Daher nehmen wir gemeinsam mit unseren Mitgliedsunternehmen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven die Auswirkungen und die damit einhergehenden Herausforderungen und Veränderungen sowie den Umgang mit der Krise wahr - gerade auch an der Schnittstelle zur Gesellschaft. Auch wenn sich naturgemäß über alle Branchen hinweg kein einheitliches Bild abzeichnet, so ist doch eines erkennbar: Die lokale beziehungsweise regionale Ausrichtung der Genossenschaften und die im genossenschaftlichen Geschäftsmodell verankerte Verbindung von wirtschaftlichem Streben mit gleichzeitiger Übernahme von sozialer Verantwortung bewähren sich und gewinnen durch die Coronakrise an Bedeutung. Daher kann die Pandemie zu einer erneuten Renaissance von Genossenschaften führen.

Dies zeigt sich unter anderem an den Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg. Wie bei der Finanzmarktkrise haben die Privatkunden sowie die kleinen und mittelständischen Unternehmen erfahren, wie wichtig ein verlässlicher Finanzpartner vor Ort ist. Die Genossenschaftsbanken haben in einer ungemein arbeitsreichen Zeit dafür gesorgt, dass Betriebe, Freiberufler und Mittelständler die staatlich zur Verfügung gestellten Hilfen und Förderkredite schnell und unbürokratisch in Anspruch nehmen konnten.

Enger Kundenkontakt

Sie standen im engen Austausch mit ihren Firmenkunden, haben bei Bedarf Kreditlinien ausgeweitet, Stundungsvereinbarungen getroffen, damit kurzfristig benötigte Liquidität zur Verfügung gestellt und oft gewissermaßen in Echtzeit über die Coronaförderhilfen und deren stetige Weiterentwicklung informiert. Der Marktanteil der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg an KfW-Corona-Förderkrediten liegt bei rund 30 %. Bis Ende August wurden etwa 4 000 KfW-Förderkredite mit einem Volumen von rund 1,3 Mrd. Euro zugesagt.

Großen Gesprächsbedarf gab es aber ebenso bei den Privatkunden unserer Genossenschaftsbanken - nicht zuletzt wegen der starken Verwerfungen an den Aktienmärkten mit Ausbruch der Krise. Darüber hinaus haben sie die elementaren Leistungen der Daseinsvorsorge wie die Bargeldversorgung, die elektronischen Zahlungssysteme, die Kreditversorgung sowie das Wertpapiergeschäft sichergestellt. Unsere Banken haben in kürzester Zeit Kundennähe neu definiert und es geschafft, trotz oftmals geschlossener Filialen den direkten und persönlichen Kontakt zu ihren Kunden zu halten. Sie haben erneut eindrucksvoll bewiesen, wie wertvoll Hilfe zur Selbsthilfe ist und dass viele etwas schaffen können, was einer allein nicht vermag.

Dies zeigte sich nicht zuletzt auch darin, dass viele Volksbanken und Raiffeisenbanken gesamtgesellschaftlich relevante Verantwortung in ihren Regionen übernommen und mit zahlreichen Hilfsaktionen Vereine und gemeinnützige Institutionen unterstützt haben. So haben Genossenschaftsbanken ihre Crowdfunding-Plattformen genutzt, um für ehrenamtliche Projekte zu werben und weitere Spenden zu generieren. Eine Aktion war auch das Corona-Soforthilfeprogramm für Vereine des Gewinnsparvereins der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg e.V., das viele unserer Banken in den Regionen genutzt haben.

Die Bedeutung regional tätiger Unternehmen ist auch in einer weiteren stark genossenschaftlich geprägten Branche durch die Pandemie in den Mittelpunkt gerückt: die Landwirtschaft. Im (massenmedialen) Rampenlicht wurden verstärkt Fragen nach der Versorgungssicherheit angesichts der Anfälligkeit weltumspannender Lieferketten diskutiert. Es wurde deutlich, wie stark Betriebe auf ausländische Helfer angewiesen sind - bei der Aussaat ebenso wie bei der Ernte. Gerade die für die baden-württembergische Landwirtschaft wichtige Spargel- und Erdbeerernte hat dies zum Vorschein gebracht. In diesem Zusammenhang ging es nicht zuletzt auch um grundsätzliche Überlegungen hinsichtlich einer auskömmlichen und fairen Vergütung für die Erzeuger und letztendlich um die Frage: Entspricht der Preis von Nahrungsmitteln seinem Wert?

Wer sich aufgrund dessen erhofft hat, dass die Coronavirus-Pandemie diesbezüglich zu einem allgemeinen Umdenken führen könnte, sieht sich zur Jahresmitte desillusioniert. Nicht zuletzt ausgelöst durch die Mehrwertsteuersenkung liefern sich die großen Lebensmittel-Discounter eine Preisschlacht, die bis hin zu aggressiver vergleichender Werbung eine neue Dimension erreicht. Es geht oft rein um den Preis - und nicht mehr den Wert von Lebensmitteln.

Damit werden Ansätze hin zu mehr regionalen Produkten, zu kurzen und nachvollziehbaren Liefer- und Wertschöpfungsketten, aber auch hin zu mehr Tierwohl und besseren Arbeitsbedingungen für Menschen in der Landwirtschaft konterkariert. Etliche Discounter setzen verstärkt auf ihre Methoden der Kundengewinnung von Vor-Corona-Zeiten: Sie setzen allein auf den Preis.

Doch ich will die Hoffnung noch nicht ganz aufgeben, dass Corona zu einem nachhaltigen Umdenken und daran anschließend einem anders Handeln führen kann - wenn nicht auf Angebots-, dann auf Verbraucherseite. Denn die Macht geht in diesem Fall vom Kunden aus. Er entscheidet, was er kauft und was es ihm wert ist.

Denn wenn stets davon gesprochen wird, dass in jeder Krise auch Chancen stecken - dann gilt für Corona: Die Pandemie kann vor Augen führen, wo es in Wirtschaft und Gesellschaft in der Vergangenheit zu Übertreibungen kam und wo ein Gegensteuern angebracht ist. Hinsichtlich solcher Überlegungen ist es sinnvoll, mit Blick in die Zukunft sich den Wesenskern unseres Wirtschaftssystems bewusst zu machen: Bei den Grundüberlegungen und den Ankerpunkten der "Sozialen Marktwirtschaft" geht es darum, wirtschaftliches Streben mit sozialer Verantwortung zu verbinden, eine Verantwortung, die sowohl vom Staat als auch von den Unternehmen ausgeht.

Diese soziale Nachhaltigkeit im Wirtschaften steht nicht etwa im Widerspruch zu Gewinnstreben oder dem Streben nach Wachstum. Denn eine der Lehren aus der Krise ist sicher, dass wirtschaftliches Wachstum benötigt wird und nicht per se schlecht ist. Beim Herunterfahren der Wirtschaft wurde deutlich, welch große Folgen schon eine kleine Konsumpause hat und dass eine gesunde Wirtschaft das Rückgrat einer funktionierenden Gesellschaft ist.

Denn Wirtschaft ist kein isolierter, von der Gesellschaft losgelöster Bereich. Im Gegenteil: Wirtschaft beeinflusst die Gesellschaft und das Zusammenleben - und umgekehrt. Eine lebendige Gesellschaft profitiert von gesundem Wachstum, wirtschaftlicher Stabilität und dem damit verbundenem Wohlstand einer Gesellschaft - vorausgesetzt, dass Gewinnstreben nicht zum Selbstzweck wird und damit zur Gewinnmaximierung.

Genossenschaften verbinden wie keine andere Unternehmensform wirtschaftliches Streben mit sozialer Verantwortung. Mitbestimmung, demokratischer Aufbau, Förderung der Mitglieder - all dies sind inhärente Merkmale von Genossenschaften. Daher sehe ich Genossenschaften zwar nicht als möglichen Gewinner der Krise - solch ein Ansatz verbietet sich. Aber Genossenschaften können beispielgebend dafür sein, wie eine gesunde, im Einklang mit den Interessen der Gesellschaft stehende Wirtschaft sein kann.

Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands

Börsen-Zeitung, 17.10.2020, Autor Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, Nummer 200, Seite B 5, 1219 Wörter

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https://www.boersen-zeitung.de/index.php?li=1&artid=2020200806&titel=Genossenschaften-leben-Soziale-Marktwirtschaft
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